16.01.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Angehörige trauern in einem Krankenhaus um Opfer des Anschlages
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Nach dem blutigen Anschlag auf einen Schulbus, könnten sich die Auseinandersetzungen zwischen tamilischen Rebellen und Regierungstruppen ausweiten. Die Regierung kündigte an, den Tamilen-Anführer zu «eliminieren».
Es war ein niederschmetterndes Ende für einen Vertrag, an den einst viele Friedenshoffnungen geknüpft wurden. Die Gewalt in Sri Lanka am Mittwoch, dem letzten Tag des Waffenstillstandsabkommens, ließ erahnen, was der südasiatischen Urlaubsinsel in den kommenden Monaten bevorstehen dürfte. Beobachter zweifeln daran, dass es der Regierung wie angekündigt gelingen wird, den Befreiungstigern von Tamil Eelam (LTTE) den Todesstoß zu versetzen und deren 25-jährigen Unabhängigkeitskampf zu beenden. Als viel wahrscheinlicher gilt eine Eskalation der Gewalt. Ein westlicher Diplomat befürchtet: «Jetzt wird der Krieg richtig schmutzig.»
Kaum etwas ließ darauf schließen, dass der Waffenstillstand am Mittwoch offiziell noch in Kraft war. Am Morgen zündeten mutmaßliche LTTE-Kämpfer im bislang relativ friedlichen Südosten der Insel eine Mine neben einem Bus, in dem außer Fabrikarbeitern auch Schulkinder saßen, dann eröffneten sie das Feuer, mindestens 27 Zivilisten starben. Nach ihrem Abzug erschossen die Attentäter sechs Bauern. Nach dem Anschlag auf den Bus wurde in derselben Region ein Fahrzeug der Armee angegriffen, mehrere Soldaten wurden verletzt. Am Nachmittag schlug die Armee mit Luftangriffen auf eine angebliche LTTE-Bombenfabrik im Norden zurück, zuvor töteten Soldaten einen Anführer der Tamilen-Rebellen.
Weitet sich der Krieg nun auf den touristischen Süden aus?Regierungssprecher Keheliya Rambukwella sagte, nach dem von Colombo aufgekündigten «nutzlosen» Waffenstillstandsabkommen seien Verhandlungen nur noch möglich, wenn LTTE-Chef Velupillai Prabakharan «die weiße Fahne» hisse. Dass Prabakharan seinen Kampf für einen unabhängigen Staat für die tamilische Minderheit zu seinen Lebzeiten niemals aufgeben wird, daran hat er in der Vergangenheit keinen Zweifel gelassen. Auch Rambukwella hält eine Kapitulation wohl nur für eine theoretische Möglichkeit. Er kündigte nach dem Anschlag auf den Bus an, Prabakharan werde getötet werden. «Der einzige Weg, solche Anschläge zu verhindern, ist, ihn zu eliminieren.»
Der Sprecher sagte, die Regierung werde die Menschen in den von der LTTE kontrollierten Gebieten gewaltsam von den Rebellen «befreien». Beobachter fürchten, dass die Rebellen auf den wachsenden Druck der überlegenen Armee im Norden reagieren werden, indem sie den Krieg stärker in den bislang relativ friedlichen Süden tragen, der auch von Touristen besucht wird. Mit Anschlägen wie am Mittwoch können sie dort Angst und Schrecken unter der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit verbreiten - und damit ihrerseits die Regierung unter Druck setzen. Bereits am Mittwoch ließen zahlreiche Singhalesen ihre Kinder aus Angst vor Anschlägen nicht in die Schule gehen.
Deutschland hat Hilfe eingefrorenFür Präsident Mahinda Rajapakse ist der Kriegskurs riskant. Geberländer wie Deutschland haben ihre Hilfe eingefroren, andere überprüfen ihre Unterstützung. Die Staatengemeinschaft - die in den vergangenen zwei Jahren immer hilfloser auf die Eskalation des Konflikts blickte - fordert eine politische Lösung. Dass Sri Lanka in eine Wirtschaftskrise schlittert, Grundnahrungsmittel für viele Menschen kaum noch bezahlbar sind und die Inflationsrate bei über 20 Prozent liegt, rechtfertigt die Regierung mit den Kosten des Konflikts. Ob ihre singhalesische Wählerbasis dieses Argument lange mittragen wird, bezweifeln Experten - besonders dann, wenn Terror den Süden erschüttern und Militärerfolge im Norden ausbleiben sollten.
Mit den Ankündigungen eines Sieges über die geschwächte LTTE und der Jagd auf ihren Anführer hat Rajapakses Regierung hohe Erwartungen unter den Singhalesen geschürt, die sie möglicherweise nicht wird erfüllen können. Der Präsident ist in einer Zwickmühle: Bei einer militärischen Lösung drohen ihm mehrere Parteien aus seiner Koalition abzuspringen. Umgekehrt gilt das auch für die radikalen Parteien in seinem Bündnis, die Rajapakse die Gefolgschaft aufkündigen würden, sollte er sich kompromissbereit zeigen. In beiden Fällen könnte ihn das seine Mehrheit im Parlament kosten. «Was immer er tut, er wird verlieren», sagt ein westlicher Landeskenner.
«Düsteres Szenario»Verlieren werden auch die Zivilisten, die zwischen die Fronten geraten oder bei Anschlägen sterben werden. Der Krieg und mögliche Menschenrechtsverletzungen werden nach dem Abzug der Mission zur Überwachung des Waffenstillstands (SLMM), die am Mittwoch ihre Arbeit einstellte, weitgehend ohne internationale Beobachtung stattfinden. «In dieser Situation kann man nur weiteres Blutvergießen erwarten», sagt der Analyst Jehan Perera vom Nationalen Friedensrat in Colombo. «Wir stehen vor einem sehr düsteren Szenario.» (Can Merey, dpa)