Obama droht Rückschlag wegen Hautfarbe
09. Jan 2008 14:44
 |  Barack Obama | Foto: AP |
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In die Ergebnisse von New Hampshire und Iowa sollte nicht zu viel hineingelesen werden, warnt Amerika-Experte Thomas Greven.
Michaela Duhr sprach mit ihm über Hillary Clintons «Tragik» und Barack Obamas Rhetorik.
Allen Umfragen zum Trotz: Hillary Clinton ist die strahlende Siegerin der Vorwahlen in New Hampshire. Dennoch sollten die Abstimmungen über die US-Präsidentschaftskandidaten der beiden großen Parteien in Iowa und New Hampshire nicht überbewertet werden, meint Thomas Greven. Der Amerika-Experte warnt davor, eine «Pferderennen-Perspektive» einzunehmen: «Die Abstimmungen haben vor allem symbolischen Charakter – es sind die ersten Wahlen und die Bewerber stehen unter intensiver Beobachtung», sagte der Politikwissenschaftler vom Berliner John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien im Gespräch mit der Netzeitung.
Ob der Beinahe-Tränenausbruch der 60-jährigen demokratischen Senatorin ausschlaggebend für ihren Sieg war, wagt Greven nicht zu behaupten. Aber es sei die Tragik ihrer Kampagne, dass ihr selbst emotionale Schwäche als Kalkül ausgelegt wird, meint der Fachmann. Am Dienstag erzielte Clinton 39 Prozent der Stimmen, ihr schärfster Rivale bei den Demokraten, Barack Obama, erhielt 37 Prozent. Bei den Republikanern siegte überraschend John McCain mit 37 Prozent, gefolgt von Mitt Romney mit 32 Prozent. «Die endgültige Entscheidung fällt am 5. Februar», betont Greven. An diesem so genannten Super Tuesday wird in mehr als 20 Bundesstaaten gewählt, darunter auch in Kalifornien und New York.Skeptisch ist Greven mit Blick auf die Chancen des demokratischen Senkrechtstarters Obama: «Für das Gros der Amerikaner ist ein schwarzer Präsident eine schwierige Vorstellung.» Offen werde das niemand zugeben, ist der Fachmann überzeugt, denn offener Rassismus sei nicht mehr opportun in den USA. Spätestens bei den Präsidentschaftswahlen im November werde sich zeigen, ob Amerika bereit für einen schwarzen Präsidenten sei.
Netzeitung: Große Überraschung in New Hampshire: Alle Umfragen haben einen Triumph Barack Obamas vorhergesagt. Stattdessen nun eine strahlende Hillary Clinton. Was ist passiert?
 |  Amerika-Experte Thomas Greven vom John-F.-Kennedy-Institut in Berlin | Foto: Privat |
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Thomas Greven: Insgesamt ist das Ergebnis nicht so bedeutsam. Man sollte nicht diese Pferderennen-Perspektive einnehmen. Obama liegt mit Blick auf die Gesamtauswertung der Delegiertenstimmen noch immer vor Clinton. Aber die symbolische Bedeutung ist natürlich groß.Ein möglicher Erklärungsversuch für Clintons Überraschungserfolg könnte ihr Fast-Tränenausbruch sein. Das könnte die Frauen motiviert haben, für sie zu stimmen. Oder aber, dass viele unabhängige Wähler sich in New Hampshire nicht für Obama wie in Iowa, sondern für John McCain entschieden haben.
Netzeitung: Welche Bedeutung haben die Ergebnisse von New Hampshire und Iowa wirklich?
Greven: In die beiden Wahlen wird sehr viel hineingelesen. Die demokratischen Bewerber brauchen zur Nominierung mindestens 2025 Delegiertenstimmen. In New Hampshire geht es gerade mal um 30. Das ist verschwindend gering. Insgesamt führt bei den Demokraten Obama, bei den Republikanern Mitt Romney. Aber das hat wenig zu sagen: Die Entscheidung fällt am 5. Februar – am so genannten Super Tuesday. An diesem Tag wird in mehr als 20 Bundesstaaten abgestimmt.
Die beiden Abstimmungen in Iowa und New Hampshire haben vor allem symbolischen Charakter – es sind die ersten Wahlen und die Bewerber stehen unter intensiver Beobachtung. Manche haben mich vor der Wahl gefragt, ob Clintons Kampagne mit einer Niederlage in New Hampshire bereits am Ende gewesen wäre. Das ist natürlich völlig absurd. Sie hat eine hervorragende Organisation und viel Geld.
In Iowa und New Hampshire müssen die Bewerber gewinnen, die weniger aussichtsreich sind und wenig Geld haben. Sie bekommen durch den Auftakt den notwendigen Schwung und vor allem Wahlkampfspenden. So hätte bei den Demokraten John Edwards eine der beiden Wahlen gewinnen müssen, um noch eine reale Chance zu haben.
Kalkül oder echte Gefühle
Netzeitung: Um nochmals auf Clintons Fast-Tränenausbruch zurückzukommen: Kalkül oder echte Emotion?
 |  Hillary Clinton: Müde und enttäuscht nach der Niederlage in Iowa | Foto: AP |
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Greven: Das ist die Tragik des Wahlkampfes von Hillary Clinton. Sie wird das Image einer berechnenden und taktierenden Kandidatin einfach nicht los. Sie hat versucht, den Ballast aus der so genannten Counter-Culture, den 60er und 70er Jahren, und ihre Rolle als ehemalige First Lady, in der sie sich stärker eingemischt hat als es den Amerikanern lieb war, abzustreifen. Deshalb tritt sie so staatsmännisch, rational und kühl auf. Das hat ihr allerdings nicht das gebracht, was sie sich gewünscht hat, im Gegenteil: Selbst wenn sie mit den Tränen kämpft, wird ihr das als Kalkül ausgelegt.Netzeitung: Wie in Iowa leben auch in New Hampshire überwiegend Weiße, dennoch hat Obama sehr gut abgeschnitten…
Greven: Ich habe jedoch bereits in New Hampshire mit einem Backlash gerechnet – sprich mit einer negativen Reaktion auf Obamas Hautfarbe. Das wird meiner Ansicht spätestens bei der Präsidentschaftswahl im November passieren. Die weißen Amerikaner haben noch immer nicht so gerne mit Schwarzen zu tun. Es gibt noch immer viele Ressentiments gegen Schwarze - auf dem Arbeitsmarkt oder auf dem Wohnungsmarkt.Netzeitung: Dennoch wurde Obama gewählt – weshalb?
Greven: Es gibt eine Begeisterung für Obama, das will ich nicht abstreiten. Ob ihn die Demokraten letztlich zum Kandidaten küren, bleibt abzuwarten. Viele der weißen Demokraten fragen sich nun: Wollen wir wirklich einen schwarzen Präsidenten? Und für die schwarzen Demokraten ist Obama nicht schwarz genug, weil er eine weiße Mutter hat - nur sein Vater ist schwarz.
Und Fakt ist: Die Rassentrennung war noch bis in die 60er Jahre legal. Die Rassendiskriminierung ist nicht einfach verschwunden. Kulturell gilt für die meisten Amerikaner noch immer die one-drop-rule - das heißt, schon ein Tropfen schwarzes Blut macht einen Menschen zum Schwarzen.
Offener Rassismus ist nicht opportun
Netzeitung: Was fasziniert die Menschen an Obama? Greven: Er ist ein unglaublich charismatischer Redner und spricht das Bedürfnis der Amerikaner nach jemandem an, der Amerika einigt und nicht spaltet. Auch Bush hat sich seinerzeit als Einiger präsentiert, doch Obama ist glaubwürdiger.
Obama spricht auch nicht offensiv die Rassendiskriminierung an, das gefällt den weißen Amerikanern. Allerdings werfen ihm genau das wiederum die Afroamerikaner vor. Er ist in seiner Rhetorik keine Bedrohung für das weiße Amerika. Das konnte man auch nach der Wahl in New Hampshire sehen: Er greift Clinton nicht an, sondern gratuliert höflich. Er versucht mit seiner Rhetorik, die Angst vor dem Schwarzen Mann zu zerstreuen.
Netzeitung: Ist Amerika Ihrer Ansicht nach bereit für einen schwarzen Präsidenten?Greven: Es ist nicht so einfach, wie es vielleicht eine Woche lang aussah. Einige Amerikaner entwickeln für einen schwarzen Präsidenten sicherlich eine gewisse Begeisterung. Aber für das Gros der Amerikaner ist das eine schwierige Vorstellung. Offen wird das niemand zugeben, offener Rassismus ist nicht mehr opportun in den USA. Aber ein kulturelles Unbehagen ist da. Ich gehe davon aus, dass es angesichts des Erfolges von Obama eine Gegenbewegung geben wird.
Netzeitung: Ist Amerika bereit für eine Frau im Weißen Haus?
Greven: Das Problem ist die spezifische Frau. Eine konservative Frau wäre als Präsidentin für die Amerikaner leichter vorstellbar. Aber Clinton schleppt – wie schon gesagt - viel Ballast mit sich herum. Sie gilt in den USA als liberal, in Deutschland entspricht das einer links-liberalen Einstellung. Als Kandidatin wird sie offenen Widerstand provozieren und ihre Gegner stark mobilisieren. Das schränkt ihre Wählbarkeit ein, heißt aber nicht, dass sie keine Chancen hat.
Guiliani ist fast aus dem Rennen
Netzeitung: Wie sieht es bei den Republikanern aus? Wer ist der aussichtsreichste Kandidat?
 |  Der Republikaner Mitt Romney hat viel Geld für seinen Wahlkampf | Foto: AP |
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Greven: Das republikanische Feld ist sehr unübersichtlich. Mitt Romney hat sicherlich die beste Organisation und die ruhigste Führung. Der Sieger von Iowa, Mike Huckabee, hat die Herzen der sozial-konservativen Basis, aber bisher nicht das Geld und die Organisation, um das auszubauen. John McCain bekommt jetzt nach seinem Triumph in New Hampshire ein wenig Schwung. Der vierte im Bunde – der frühere New Yorker Bürgermeister Rudy Guiliani –steckt in den größten Schwierigkeiten.Netzeitung: Ihr persönlicher Tipp: Wer zieht nach George W. Bush ins Weiße Haus?
Greven: Es ist noch viel zu früh, um das zu beantworten. Vielleicht kann ich Ihnen am 5. Februar eine Antwort geben. Aber ein terroristischer Anschlag auf dem Boden der USA oder eine Rezession – dann würden die Karten völlig neu gemischt.
Mit Thomas Greven sprach Michaela Duhr.