netzeitung.deWie eine Teilabschiebung funktioniert

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'Dann bring ich mich lieber um' (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 'Dann bring ich mich lieber um'
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

In Österreich hat die geplante Abschiebung einzelner Familienmitglieder eine hitzige Debatte ausgelöst. Eine 15-Jährige, die seit mehr als zehn Jahren im Lande lebt, ist untergetaucht.

Die Teilabschiebung einer Asylantenfamilie aus Österreich in das Kosovo hat in der Alpenrepublik eine heftige Debatte über die Abschiebepraxis der Landesbehörden ausgelöst. Immer mehr Politiker fordern ein «humanitäres Aufenthaltsrecht» für tausende Asylantenfamilien, die zum Teil seit über zehn Jahren im Lande leben. Doch der konservative Innenminister Günter Platter (ÖVP) will nicht nachgeben. An diesem Mittwoch wird das Parlament zusammentreten, um über einen Misstrauensantrag der Grünen-Fraktion zu beraten.

Das Video der 15-jährigen Arigona Zogaj erschütterte Millionen Österreicher. In einem öden Raum mit kahlen Wänden klagte das Mädchen vor wenigen Tagen vor einer laufenden Kamera ihr Leid. «Nein, ich gehe ganz gewiss nicht in das Kosovo zurück», erklärte sie in akzentfreiem Österreichisch. «Wenn es für meine Mutter, meinen Bruder und mich keine Möglichkeit gibt, legal in Österreich zu leben, dann bleibe ich eben untergetaucht.» Sie denke sogar über Selbstmord nach, warnte das Mädchen die Regierung.

Arigona war am 26. September in Frankenberg (Oberösterreich) untergetaucht, nachdem ihr Vater und drei seiner fünf Kinder von der Polizei abgeholt und einen Tag später in das Kosovo zurückgebracht worden waren. Von dort war er im Jahr 2000 nach dem Kosovo-Krieg illegal nach Österreich eingereist. Arigona tauchte mit Hilfe von Freunden unter. Die Mutter, die vorläufig in Österreich bleiben darf, erlitt einen Nervenzusammenbruch.

Die Abschiebung löste Entrüstung in den Medien und Empörung unter Politikern und Hilfsorganisationen aus. Selbst in Frankenberg, dem Dorf der Zogajs, gingen die Menschen für die Familie auf die Straße. Auch der sozialdemokratische Kanzler Alfred Gusenbauer fand die Abschiebung «grauslich». Doch der Fall der Familie Zogaj steht nicht allein. Seit die rechtskonservative Regierung Wolfgang Schüssel - mit den Stimmen der damals oppositionellen SPÖ - das Asylgesetz 2005 drastisch verschärfte, hat die Verfolgung Illegaler und die Zahl der Abschiebungen deutlich zugenommen.

Politisch war das neue Asylgesetz, das Abschiebungen erleichtert, ein Ergebnis des wachsenden Widerstands in der Bevölkerung gegen den ständigen Strom von illegalen Einwanderern, vor allem aus Afrika. Die rechtsgerichtete «Freiheitliche Partei» (FPÖ) nutzte die wachsende Fremdenangst weidlich aus und kam mit ihrem Wahlspruch «Dahaam statt Islam» bei der Landtagswahl 2005 in Wien sogar auf 15 Prozent.

Obwohl das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und Hilfsorganisationen das neue Gesetz in vielen Punkten als nicht konform mit der Genfer Flüchtlingskonvention bezeichneten, trat es in Kraft. Seither ist die Zahl der Asylanträge drastisch von rund 39 000 im Jahr 2002 auf 13 349 im Jahr 2006 zurückgegangen. Durchschnittlich werden nach Angaben des Flüchtlingswerks UNHCR rund 40 Prozent aller Anträge am Ende akzeptiert.

Mit besonderem Elan machte sich der neue Innenminister Platter seit Anfang 2007 an die Umsetzung des Asylgesetzes. Immerhin leben noch immer 11 000 Asylsuchende zum Teil seit über zehn Jahren in der Alpenrepublik, über deren Anträge noch nicht endgültig entschieden wurde. Tausende - wie die Familie Zogaj - sind inzwischen voll in die Gesellschaft integriert. Im Falle der Zogajs gingen beide Eltern arbeiten, die Kinder gingen zur Schule, zum Teil mit sehr guten Ergebnissen. In nicht wenigen Fällen wurden durch die Abschiebungen gerade solche Familien «zerrissen».

Dies aber, so der Sozialminister Oberösterreichs, Josef Ackerl, sei «schlichtweg menschenverachtend». Ackerl forderte am Dienstag als erster SPÖ-Politiker ein «humanitäres Bleiberecht» für integrierte Familien, die seit Jahren auf die endgültige Entscheidung der Behörden warten. Letztlich handele es sich dabei lediglich «um ein paar Tausend» Asylbewerber. Doch ebenso schnell kam eine knallharte Absage von der ÖVP, dem Juniorpartner in der großen Koalition. Der Vorschlag Ackerls sei «ein Amnestie-Vorschlag für Schlepperbanden», meinte ÖVP-Generalsekretär, Hannes Missethon. (Christian Fürst, dpa)