Wer zur Schule geht, riskiert sein Leben
10. Jul 2007 15:21
 |  Mädchen in einer Schule nahe Kabul | Foto: dpa |
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Mit brutalen Angriffen wollen die Taliban verhindern, dass in Afghanistan ein modernes Bildungswesen entsteht. Um wichtige Reformen umzusetzen, fehlt es der Regierung überdies an Geld.
Ihre Lehrer sind nicht da, deshalb dürfen zehn Schülerinnen in der zentralafghanischen Provinz Logar an diesem Tag früher nach Hause. Als die Mädchen Hand in Hand eine staubige Straße entlang laufen, werden sie zur Zielscheibe zweier bewaffneter Männer, wie ein Reporter der «New York Times» berichtet.Eine Maschinengewehrsalve trifft Schukria in Arm und Rücken. Die 13-Jährige taumelt, ihre jüngere Schwester versucht sie zu stützen. Sie kann ihr jedoch nicht mehr helfen. Die Täter rasen auf einem Motorrad heran und schießen dem Mädchen aus nächster Nähe in Magen und Herz - eine regelrechte Hinrichtung. Danach ergreifen die Männer zu Fuß die Flucht.
Sechs Schülerinnen wurden an diesem Nachmittag Mitte Juni angeschossen, zwei von ihnen starben. Sie alle besuchten die Kalai-Sajedan-Schule, die mit Unterstützung der deutschen Bundesregierung gebaut wurde und als eines der besten Bildungsinstitute der Provinz gilt. Die Angriffe sind Teil der Einschüchterungstaktik der Taliban, die Kinder von staatlichen Schulen fernhalten wollen. Mit dem Terror gegen das Bildungssystem wollen sie die westlich orientierte Regierung in Kabul daran hindern, zentrale Reformen umzusetzen. Stattdessen wollen die Extremisten eigene Schulen errichten, in denen Kinder zu Gotteskriegern gedrillt werden.
 |  Viele Frauen in Afghanistan trauen sich nach wie vor nur in Burka auf die Straße | Foto: dpa |
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Bis zum Sturz des Taliban-Regimes 2001 hatte in Afghanistan finsterstes Mittelalter geherrscht: Jungen erhielten strengen Koran-Unterricht, Mädchen wurden dagegen systematisch unterdrückt und am Lernen gehindert. Vor allem im umkämpften Süden des Landes wollen die wiedererstarkten Taliban nun wieder ihre Macht demonstrieren. Nach Schätzungen der Regierungen wurden dort seit vergangenem August 444 Schulen attackiert, zudem wurden Lehrer enthauptet.Die Kalai-Sajedan-Schule hat seit dem Wochenende wieder geöffnet, die Angst vor Gewalt ist aber weiter da. Obwohl vor den Toren Wächter mit Kalaschnikows stehen, wagt es nur etwa ein Viertel der rund 1600 Schüler, am Unterricht teilzunehmen. Das Wichtigste sei, dass seine Kinder überlebten, auch wenn sie Analphabeten blieben, sagt Sajed Rasul, der seine beiden Töchter zunächst nicht wieder zur Schule gehen lassen will.
Unterricht oft nur in Zelten
Ein breiter Zugang zu öffentlicher Bildung wäre ein Beweis dafür, dass Afghanistan sich zu einem demokratischen Staat entwickelt. Laut Statistiken des Bildungsministeriums sind insgesamt 6,2 Millionen Kinder an Schulen angemeldet - ein Drittel von ihnen sind Mädchen. Vermutlich liegt die tatsächliche Zahl sogar noch höher.
 |  Lesende Kinder an einer Mädchenschule in Kabul | Foto: dpa |
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Nicht nur Gewalt, sondern auch mangelnde Infrastruktur stellen viele Schulen vor große Probleme. Mancherorts kann nur in mehreren Schichten unterrichtet werden, weil es nicht genügend Räume gibt. Oft müssen Schüler und Lehrer zudem auf Zelte ausweichen, oder sie sitzen unter sengender Sonne im Freien. All dies zeigt, dass Afghanistan seinen Rückstand nicht über Nacht aufholen kann. Viele Pädagogen sind für ihre Arbeit unterqualifiziert, Schulbücher sind überholt.Mit einem ehrgeizigen Fünf-Jahres-Plan will Bildungsminister Mohammed Atmar nun ausländische Geber dazu bringen, dringend benötigtes Geld zur Verfügung zu stellen. Sein Konzept sieht den Bau neuer Schulgebäude, eine einheitliche Lehrerausbildung und einen neuen Lehrplan vor. Von einem rein laizistischen Bildungsmodell hält Atmar allerdings wenig: Es müsse auch Religionsschulen geben, wo das Studium des Islam im Vordergrund stehe - allerdings ohne Aufrufe zur Gewalt.
Wenig internationale Hilfe
Atmar wird viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, um seine Ziele zu erreichen. Bislang sind internationale Zuschüsse für den afghanischen Schulsektor nur sehr spärlich geflossen. Seit dem Ende der Taliban-Herrschaft hat die amerikanische Entwicklungsbehörde USAID lediglich fünf Prozent ihres Afghanistan-Budgets für Bildung bereitgestellt - 30 Prozent waren dagegen für den Straßenbau und 14 Prozent für den Ausbau des Energienetzes bestimmt.Sollten alle 1600 Schüler in die Kalai-Sajedan-Schule zurückkehren, fände der Unterricht wieder in drangvoller Enge statt. Immerhin gibt es dort ein Betongebäude mit zwölf Klassenräumen statt nur ein paar dreckige, von Ungeziefer verseuchte Zelte. Schwerer als die Platznot wiegt im Moment aber die Furcht vor weiterer Gewalt. Die zwölfjährige Sarmina hat den Schock, ihre Schwester sterben zu sehen, noch nicht überwunden. Jedes Mal wenn sie ein Motorrad hört, versteckt sie sich. Vermutlich wird es noch lange dauern, bis sie wieder zur Schule gehen kann.
Für das Web ediert von Corina Kolbe