Die Flucht nach Ägypten
21. Jun 2007 13:33
 |  Der Tunnel von Eres | Foto: Mohammed Saber/dpa |
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Tausende palästinensische Flüchtlinge sitzen im Gazastreifen fest. Die ersten ließ Israel jetzt aus dem dicht besiedelten Küstenstreifen ziehen. Ein Baby überlebte das tagelange Warten nicht.
Die Tage ziehen sich dahin, die Nahrung wird knapp. Am Fuße der gewaltigen Betonsegmente am Grenzübergang Eres im Norden des Gazastreifens hat sich die Palästinenserfamilie niedergelassen – Eltern, zwei vielleicht sechsjährige Jungen, ein Kleinkind, die Mutter wiegt ein Baby im Arm. Ihre Habe ist in einer Sporttasche verstaut. Sie sind fünf von hunderten Flüchtlingen, die auf ihre Ausreise warten.
Müll liegt herum. Decken machen das Sitzen auf dem harten Beton kaum erträglicher. Sie wollen aus dem palästinensischen Gaza-Streifen weg. Nachdem hier die radikalislamische Hamas-Miliz mit Waffengewalt ihre eigene Ordnung geschaffen hat, sehen viele in dem dicht besiedelten, schmalen Küstenstreifen für sich keinen Platz mehr. Einige von ihnen sind Angehörige von Kämpfern der Fatah und fürchten Rache. Alle wollen weg, viele ins Westjordanland, wo die Fatah-Bewegung von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas das Sagen hat. Doch zwischen beiden Gebieten liegt Israel – und die Regierung in Tel Aviv bestimmt mit, wer wohin darf.
Keine Sanitäreinrichtungen
Am späten Mittwochabend ließ Israel die ersten palästinensischen Flüchtlinge nach Ägypten ausreisen. Rund 100 durften über israelisches Gebiet den Gazastreifen verlassen – in einer mit den Verantwortlichen in Kairo abgestimmten Aktion. Aufs Genaueste habe man sie überprüft – selbst den Flüchtlingen traut Israel Anschläge zu. Als einer der ersten wurde ein 17-jähriger Palästinenser durchgelassen, der an Leukämie leidet. Außerdem können Ausländer die streng bewachte Grenze passieren. Bislang nutzten mehr als 100 Menschen diese Möglichkeit. Auf israelischem Gebiet versorgten Ärzte die Kranken.
 |  Flüchtlingsfamilie | Foto: dpa |
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Die Lage in dem Betontunnel, der vom nördlichen Gazastreifen auf israelisches Gebiet führt, verschärfte sich dennoch weiter. «Wir sitzen hier in der Falle zwischen Mauern auf beiden Seiten, Hamas-Extremisten hinter uns und israelischen Soldaten vor uns», sagte ein verzweifelter Mann. In dem stickigen Tunnel gibt es keine sanitären Einrichtungen. Zwei Menschen starben bereits, darunter ein herzkrankes palästinensisches Baby. 150 bis 200 Menschen warteten am späten Abend noch auf ihre Ausreise. In der ägyptischen Grenzregion zum Gazastreifen saßen am Mittwoch noch mehr als 5000 Palästinenser fest.
 |  Am Übergang Eres wartende Palästinenser | Foto: AP |
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Erste Lieferungen
Die Vereinten Nationen forderte die rasche Öffnung aller Grenzübergänge zum Gaza-Streifen. Die Palästinensische Autonomiebehörde warnte vor Lebensmittelknappheit: Sie erwartet, dass Grundnahrungsmittel wie Mehl, Reis und Zucker in gut einer Woche zur Neige gingen.
 |  Wenigstens einigen Kindern können die Nahrungsmittel der UN helfen | Foto: dpa |
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Israel ließ am zweiten Tag in Folge Hilfskonvois in den Gaza-Streifen. Dem Roten Kreuz und der UN-Ernährungsorganisation WFP sei am Mittwoch erlaubte man, 40 Tonnen Fleisch, 200 Tonnen Mehl, 90.000 Liter Milch und 25.000 Liter Speiseöl sowie Impfstoffe über die Grenze zu transportieren.Die Hamas-Regenten im Gaza-Streifen gaben sich – wohl auch angesichts der Lieferungen - ungebrochen optimistisch. Die Grenzen seien offen, es gebe keine Lebensmittelknappheit, verkündete der ehemalige Außenminister Machmud Sahar.
«Mini-Staat» von Islamisten
Die Beziehungen zwischen den einstigen Regierungspartner Hamas und Fatah waren in den letzten Tagen erkaltet – am Mittwoch nahezu bis auf den absoluten Nullpunkt: Präsident Abbas warf der Hamas am Mittwoch vor, einen Mordanschlag auf ihn geplant zu haben. 250 Kilo Sprengstoff habe der in Syrien residierende politische Hamas-Chef Chaled Maschaal bereitgehalten, um Mitte Mai seinen Autokonvoi in die Luft zu sprengen. Abbas schilderte ein Video, auf dem zu sehen sein soll, wie Hamas-Kämpfer einen Anschlag auf ihn besprechen.Die Fatah-Bewegung ringt derzeit mit der Hamas um die Macht in den Palästinensergebieten. Seit Januar hatten beide Bewegungen gemeinsam regiert. Vor Wochen jedoch eskalierte die Situation: Nach tagelangen Kämpfen übernahmen die radikalen Islamisten der Hamas Mitte vergangener Woche die Kontrolle über den Gaza-Streifen. Für Präsident Abbas war das der Versuch, einen «Mini-Staat» von Islamisten zu errichten.
Jeglichen Kontakt verweigert
Abbas hatte zuvor das Kabinett von Palästinenserpremier Hanija für abgesetzt erklärt und vom Westjordanland aus eine Notstandsregierung eingesetzt. Hanija seinerseits erkennt die von Abbas eingesetzte Notstandsregierung nicht an. Europa will nun die diplomatische und wirtschaftliche Blockade der von Abbas eingesetzten Palästinenserregierung lockern.
Israel nahm am Mittwoch jedoch erstmals Kontakt zu der von Abbas eingesetzten Regierung in Ramallah auf. Außenministerin Zipi Livni telefonierte mit dem neuen palästinensischen Ministerpräsidenten Salam Fajad. Israel hatte seit dem Wahlsieg der Hamas vor eineinhalb Jahren jeglichen Kontakt mit der palästinensischen Regierung verweigert.
Für das Web ediert von Tilman Steffen