Randale in Frankreich nach Sarkozys Wahlsieg
07. Mai 2007 07:27, ergänzt 08:45
 |  Sarkozy hat gewonnen - Protest in Toulouse
| Foto: AP |
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An der Spitze Frankreichs steht in den kommenden Jahren ein Konservativer. Nicolas Sarkozy ließ die Sozialistin Royal in der Präsidentschaftswahl mit sechs Punkten Abstand hinter sich. In vielen Städten protestierten seine Gegner.
Während auf dem Pariser Concorde-Platz etwa 30.000 Anhänger mit einem «großen Volksfest» den Wahlsieg Nicolas Sarkozys feierten, haben tausende der Gegner des konservativen französischen Präsidentschaftskandidaten in Paris, den Pariser Vorstädten, Nancy, Lyon, Metz, Bordeaux, Mülhausen, Nantes, Lille, Toulouse und Marseille mit Gewalt-Demonstrationen reagiert. Sie zündeten Dutzende Autos und Müllcontainer an und zertrümmerten Schaufensterscheiben.
In Clichy-sous-Bois nordöstlich von Paris wurden zwei Autos in Brand gesteckt. An der Pariser Place de la Bastille lieferten sich mehrere hundert Autonome eine Straßenschlacht mit Sicherheitskräften, die Polizei setzte Tränengas ein. Einige Protestierer zeigten den Sicherheitskräften den nackten Hintern. Die Polizei ging mit Tränengas gegen die Randalierer vor. Eine Person lag mit blutüberströmtem Gesicht auf dem Boden.
Die Krawalle an der Place de la Bastille begannen gegen 21:30 Uhr, als Sarkozy-Gegner Polizisten mit Flaschen und Pflastersteinen bewarfen. Zahlreiche Schaulustige mischten sich unter die Demonstranten, die Menge wuchs auf mehr als tausend Personen an. Gegen 23 Uhr brachte die Polizei Wasserwerfer in Stellung. Über Verletzte war zunächst nichts bekannt. Mehrere autonome Gruppen und linksextreme Organisationen hatten zu der Anti-Sarkozy-Kundgebung aufgerufen, um ihrer Wut über die zu erwartende Niederlage der Sozialistin Ségolène Royal Luft zu machen.
 |  Sarkozy | Foto: dpa |
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In Lyon ging die Polizei nach eigenen Angaben gegen rund 150 Demonstranten vor, die offenbar eine Feier von Sarkozy-Anhängern aufmischen wollten. Drei Personen wurden festgenommen, zwei Polizisten leicht verletzt. In Ris-Orangis in der Nähe des Flughafens Orly, in Corbeil-Essones und Evry wurden Schulen und ein Sozialzentrum mit Brandbomben angegriffen, wie die Gewerkschaft der Polizei mitteilte. Verletzt wurde offenbar niemand.
Gewohnheiten zu brechen
Sarkozy hatte die französische Präsidentenwahl überzeugend gewonnen. Nach einem stark polarisierenden Wahlkampf setzte sich der konservative frühere Innenminister bei der Stichwahl am Sonntag nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis 53,06 Prozent klar durch. Die sozialistische Kandidatin Ségolène Royal musste dagegen mit 46,94 Prozent die dritte Niederlage der Linken in Folge bei einer Präsidentenwahl hinnehmen. Die Wahlbeteiligung lag bei etwa 85 Prozent.«Das französische Volk hat entschieden, mit Ideen und Gewohnheiten der Vergangenheit zu brechen», sagte Sarkozy nach der Wahl. «Arbeit, Leistung und Autorität» müssten wieder mehr als Werte gelten. In seiner ersten Rede als gewählter Präsident versuchte Sarkozy, Ängste bei innenpolitischen Gegnern und im Ausland zu zerstreuen. Er wolle «Royal und ihre Ideen» achten, sagte Sarkozy und bekannte sich zugleich zum Aufbau Europas.
Niederlage eingestanden
Der nach zwölf Jahren scheidende Präsident Jacques Chirac beglückwünschte seinen Nachfolger und langjährigen innerparteilichen Rivalen zu seinem Wahlerfolg. US-Präsident George W. Bush überbrachte dem Sieger telefonisch seine Glückwünsche. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Horst Köhler gratulierten Sarkozy. Sarkozy wird am 16. Mai die Staatsgeschäfte von Chirac übernehmen. Seine Amtszeit dauert fünf Jahre. In den kommenden Tagen will Sarkozy sich zurückziehen, um seine Regierungsmannschaft aufzustellen. Royal gestand ihre Niederlage ein und stimmte ihre Anhängerschaft auf die Parlamentswahl im Juni ein. «Ich mache mit Euch weiter», versicherte Royal ihren enttäuschten Anhängern.
Unsagbar stolz
Die ersten Auslandsreisen als Präsident werden Sarkozy kurz nach seinem Amtsantritt nach Brüssel und Berlin führen, sagte Sarkozys politischer Berater François Fillon, dessen Name auch als möglicher künftiger Premierminister genannt wird. Sarkozy äußerte einen «unsagbaren Stolz», Franzose zu sein, fügte allerdings hinzu, sein ganzes Leben Europäer gewesen zu sein. Was daran ist, wird sich auch im Kampf um die geplante EU-Verfassung zeigen. Er rief dabei die EU-Partner auf, «die Stimme der Völker» zu hören. Sarkozy erinnerte Washington an seine «Pflicht», sich als großes Land an die Spitze des Kampfes gegen die Erderwärmung zu setzen. Frankreich werde «immer an der Seite» Amerikas stehen. «Die USA können auf unsere Freundschaft rechnen», sagte er unter dem Beifall seiner Anhänger.
Neue Partei gründen
Sarkozys Anhänger feierten seinen Sieg am Abend auf den Champs-Elysées und mit einem Konzert auf dem Concorde-Platz. Zuvor hatte sich viel Prominenz um den künftigen Staatschef gesammelt. Darunter waren Altrocker Johnny Hallyday, der Schauspieler Jean Reno und der Philosoph André Glucksmann. Zum Fest auf dem Concorde-Platz erschien neben Sarkozy auch Ehefrau Cécilia, die sich tagsüber nicht sehen ließen. Der Wahlausgang hatte wesentlich von der Stimmübertragung der Wähler des Zentrumspolitikers François Bayrou und des Rechtsradikalen Jean-Marie Le Pen abgehangen. Bayrou will zur Parlamentswahl eine neue Mitte- Partei gründen. Auch bei den Sozialisten gibt es Bestrebungen für eine Neuorganisation der Parteienlandschaft. So kündigte der frühere Wirtschaftsminister Dominique Stauss-Kahn eine «sozialdemokratische Erneuerung» an. (nz/dpa/AP)