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«Harry Potter» im Dienste des Pentagon

30. Mrz 2007 17:55
Guantánamo
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Alle Jahre wieder heißt es, dass die Abenteuer von «Harry Potter» unter den Gefangenen in Guantánamo eine beliebte Lektüre seien. Glauben wir das?, fragt Sophie Albers.

Es hat sich tatsächlich einiges verändert seit dem Angriff islamistischer Terroristen auf die USA am 11. September 2001 - und das vor allem in unseren Köpfen: Die christlich-geprägte Welt hat ein neues Feindbild, gegen das auch Kriege geführt werden; sie ist bereit, zum Schutz der eigenen Sicherheit Einschränkungen der eigenen Freiheit hinzunehmen; und sie ist offenbar leichtgläubiger geworden. Letzteres lässt sich ausgerechnet an einem Kinderbuch festmachen, über das wir derzeit täglich lesen, weil Fans weltweit ungeduldig auf dessen letzten Band warten: «Harry Potter».

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Diese Fans sollen nämlich auch an ganz unerwarteten Orten sitzen, glaubt man Meldungen der internationalen Presse, die dieser Tage kursieren, und die fast harmlos klingen, obwohl ihre Einzelteile so viel miteinander gemein haben wie Tag und Nacht: «'Harry Potter' kommt in Guantánamo gut an», heißen sie, oder auch «Harry Potter verzaubert die Insassen von Guantánamo».

Die Inhaftierten seien ganz versessen auf den siebten und letzten Teil, wird immer wieder die Chefbibliothekarin Guantánamos zitiert, die Maggie heißt, zwar keinen Nachnamen hat, aber die rund 430 Gefangenen «mit Büchern versorgt». Deshalb habe man den finalen Potter auch schon vorbestellt.

Einmal die Woche biete sie den Insassen - sprich den «feindlichen Kämpfern», die ohne Anklage in dem berüchtigten Lager einsitzen - verschiedene Bücher an, so Maggie weiter. «Die Bücherei gehört hier zu den beliebtesten Dingen.»

1800 Mal der Koran

So viel zu Maggie. Doch gibt es auch noch Lorie. Lorie ohne Nachnamen durfte vor zwei Jahren schon einmal die gleiche Geschichte erzählen. Die Bücher von JK Rowling über dem englischen Zauberschüler würden öfter ausgeliehen als alle anderen, zitierte im August 2005 die «Washington Times» die Bibliothekarin. «Einige haben sogar gefragt, ob sie den Film sehen dürfen.»

Sie wusste auch noch zu berichten, dass Agatha Christie die zweitbeliebteste Autorin sei und erzählte, dass die Bücherei in Guantánamo 800 Bücher umfasse. Nicht eingerechnet sei allerdings der Koran. Von dem gebe es 1800 Exemplare, denn er würde so viel gelesen, dass die Exemplare schnell zerfleddern.

Erholungslager am Strand

Wie gut ist es da, dass es auch noch Frauen wie Yolanda gibt. Und die hat sogar einen Nachnamen: Yolanda Monge war jüngst in Guantánamo und hat in der spanischen Zeitung «El País» einen Bericht geschrieben über einen «Besuch in einem Gefängnis, in dem es kein Gesetz gibt» (Im deutschen «Freitag» abgedruckt im Januar 2007):

«Man muss noch einmal daran erinnern, dass seit Errichtung des Gefangenencamps Anfang 2002 im Namen des Krieges gegen den Terror mehr als 800 Personen, darunter Minderjährige, durch diese Zellen gegangen sind. Dass es ständig Klagen über physische und psychische Folter gegeben hat. Dass die Genfer Konvention verletzt und pervertiert wird, weil die Militärs sie als Vorwand benutzen, um Fotos zu verbieten. Man muss daran erinnern, denn geschieht dies nicht, könnte nach der Besichtigungstour, die das US-Heer anbietet und mit Zahnklinik sowie 'Harry Potter'-Büchern auf Arabisch ausschmückt, der Eindruck entstehen, man sei in einem Erholungslager am Strand der Karibik gewesen.»

Tischtennis und Brettspiele

Und dann gibt es da noch einen Artikel aus dem Jahr 2006, im britischen «Telegraph», der ebenfalls verkündet: «Harry Potter ist ein Hit in Guantánamo», in dem sich jedoch auch eine Quelle für die Lories und Maggies findet: das Pentagon.

Eben die US-Armee hat die Zitate der angeblichen Bibliothekare herausgegeben in einem Schriftstück namens «Zehn Tatsachen über Guantánamo». Darin steht unter anderem auch, dass den Häftlingen täglich 4200 Kalorien an Essen angeboten werden, dass sie medizinisch, zahnärztlich, psychiatrisch und augenärztlich betreut werden, dass ihnen ein großes Sportangebot zur Verfügung stehe: «Basketball, Volleyball, Football, Tischtennis und Brettspiele» und schließlich, dass jeder, der entlassen wird, eine Decke und ein Kissen für den Flug nach Hause bekommt.

Magensonde in die Nase gerammt

Im Februar 2002 waren 30 Selbstmordversuche in Guantánamo bekannt, und die «New York Times» berichtete, dass seit Wochen brutale Zwangsernährung zum Alltag im Lager gehöre. Etwa 130 Insassen waren in Hungerstreik getreten, sie wurden an Stühle gefesselt, und die Wachen rammten ihnen eine Magensonde durch die Nasen, ohne Rücksicht auf Verletzungen, so der Bericht. Nach der Zwangsernährung hätten sie noch stundenlang gefesselt sitzen bleiben müssen, damit sie das Nahrungskonzentrat nicht erbrechen.

Wahrscheinlich hatte ihnen die Auswahl der Bibliothek nicht gefallen. Aber bald kommt ja der neue «Harry Potter».

 
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