«Viele wollen nie wieder das Meer sehen»
03. Nov 2006 10:43
 |  Kinder der Beluga School For Life | Foto: Beluga School For Life |
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Kinder als Jung-Unternehmer: Ein deutsches Hilfsprojekt will traumatisierten Tsunami-Waisen im Süden Thailands eine bessere Zukunft bieten. Eine Reportage aus Khao Lak.
Von Corina Kolbe, Khao Lak (Thailand)Sachte schlagen Wellen an einen weißen Sandstrand, der von hohen Palmen gesäumt wird. Eine Ferienidylle wie aus einem Reisekatalog. Umso gespenstischer ist die Vorstellung, dass dieses so friedlich scheinende Meer Tausende Menschen in den Tod riss - vor knapp zwei Jahren.
Bis zu acht Meter hoch türmten sich im südthailändischen Badeort Khao Lak die Wellen des Tsunami, der am 26. Dezember 2004 weite Teile der Küsten Südasiens zerstörte. Mehr als 220.000 Menschen starben durch die Naturkatastrophe. 6000 bis 7000 waren es nach offiziellen Statistiken allein in Khao Lak, darunter auch viele Touristen.
Ao hatte großes Glück. Als der Tsunami kam, hatte die Thailänderin, die sonst Gäste in einem Resort in Khao Lak betreute, einen freien Tag und war bei ihrer Familie im Landesinneren. Das rettete ihr und ihrer Tochter Mild das Leben. Nach der Katastrophe habe sie Albträume gehabt und nächtelang nicht mehr geschlafen, erinnert sich die 31-Jährige. Inzwischen lebt sie mit ihrem fünfjährigen Kind auf dem Gelände der Beluga School for Life in Na Nai, etwa 30 Autominuten entfernt von Khao Lak.
 |  Dormitories auf dem Schulgelände | Foto: Beluga School for Life |
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Auf dem Gelände einer ehemaligen Kokosplantage hat der deutsche Reeder und Logistikunternehmer Niels Stolberg das bislang größte private Hilfsprojekt in Thailand gestartet. Tsunami-Waisen und Kinder aus Familien, die durch die Flutwellen ihren gesamten Besitz verloren haben, sollen in dem neuen Dorf die Chance erhalten, sich eine Zukunft aufzubauen.
Rasche Hilfe aus Deutschland
«Als ich im Fernsehen die Bilder von dem Tsunami sah, habe ich mich sofort dazu entschlossen zu helfen», sagt der 45-jährige Unternehmer. Stolberg hat den festen Händedruck eines Mannes, der daran gewöhnt ist, anzupacken. Im Februar 2005, wenige Wochen nach dem Tsunami, war der Geschäftsführende Gesellschafter der Bremer Beluga Shipping bereits in Thailand, um beim Aufbau einer Schule für Tsunami-Opfer mitzuhelfen. Er stellte rund 1,5 Millionen Euro Startkapital bereit und übernahm für zehn Jahre sämtliche Betriebskosten. Die Gesamtinvestitionen belaufen sich bisher auf 2,9 Millionen Euro, 114.000 Euro wurden durch Spenden aufgebracht.
Über Christina Rau, die Frau des inzwischen verstorbenen Bundespräsidenten Johannes Rau und Sonderbeauftragte des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder für Fluthilfe, kam Stolberg in Kontakt mit dem Pädagogik-Professor Jürgen Zimmer, der bereits ein ähnliches Hilfsprojekt in Chang Mai im Norden Thailands ins Leben gerufen hatte.
Schule ohne Klassenzimmer
«Das Besondere an diesen beiden Schulen ist, dass sie keine Klassenzimmer haben», sagt Zimmer, der den so genannten Situationsansatz mitentwickelt hat und bis zu seinem Ruhestand an der Freien Universität Berlin lehrte. Ziel sei, theoretisches Wissen mit praktischen Fertigkeiten zu verbinden. Bereits Kinder könnten auf spielerische Weise zu unternehmerischem Denken erzogen werden, ist der 68-Jährige überzeugt. Das sei die Grundlage, auf der sie sich später eine eigene Existenz schaffen könnten. In so genannten Centers of Excellence werden die Schüler organische Landwirtschaft betreiben, Thai-Massage und traditionelle medizinische Behandlungen erlernen, traditionelle Tänze einüben und in einer Lehrküche Rezepte aus der Region ausprobieren.
 |  Kindergarten-Kinder | Foto: Beluga School for Life |
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Kurse in nachhaltigem Tourismus sollen sie darauf vorbereiten, ausländischen Urlaubern einen bewussten Umgang mit Natur und Kultur ihres Gastlandes nahe zu bringen. Außerdem werden sie im Rahmen des staatlichen thailändischen Bildungsplans in allen vorgeschriebenen Schulfächern unterrichtet. Kontrolliert wird die Umsetzung der Vorgaben von der Foundation for Thailand Rural Reconstruction Movement (TRRM), einer Stiftung, die unter der Schirmherrschaft des Königshauses steht.In einem beeindruckenden Tempo haben es Stolberg, Zimmer und die übrigen Projektmitarbeiter geschafft, aus der Vision Realität werden zu lassen. Als vor wenigen Tagen die Beluga School for Life feierlich eröffnet wurde, waren die meisten Gebäude bereits fertig gestellt – trotz des heftigen Monsun-Regens, der in den vergangenen Wochen über der Region niedergegangen war.
Erdbebensichere Häuser
Die Behörden machten es außerdem zur Auflage, dass alle Häuser erdbebensicher gebaut wurden - sie sind zwei Meter tief im Boden verankert. Zurzeit leben etwa 120 Kinder auf dem Gelände der Schule, bis Anfang 2007 sollen dort 240 Halb- und Vollwaisen sowie rund 50 notleidende Erwachsene aufgenommen werden. Die Kinder wohnen zu etwa 30 in großen Schlafhäusern oder in kleineren Gruppen in Familienhäusern. «Viele von ihnen wollen nie mehr zum Meer zurück», sagen die Organisatoren.
 |  Gäste werden mit einem Transparent begrüßt | Foto: Beluga School for Life |
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Die Begeisterung für das Schulprojekt ist allen Beteiligten anzumerken: Besucher werden von einer Gruppe von Kindern in bunten T-Shirts begrüßt, die Lieder singen, ausgelassen in die Hände klatschen und ein selbst gemaltes Transparent schwenken. Die jüngsten von ihnen sind drei bis fünf Jahre alt und gehen in den Kindergarten. Für die Älteren ist ein Ausbildungsweg von der Grundschule bis zum direkten Berufseinstieg oder zur Universität vorgesehen.
Lektionen in Thai-Massage
Viele Kinder haben schon konkrete Vorstellungen von dem, was sie später machen möchten. «Ich will zur Marine!» sagt die 13-jährige May. Das dunkelhäutige Mädchen gehört zu den Seezigeunern, einer in Meeresnähe lebenden Ethnie, die ihre eigene Sprache und Bräuche pflegt. Mays Eltern sind Fischer und haben durch den Tsunami alles verloren. In der Beluga School for Life lernt sie nun erstmal Thai-Massage und traditionelle Heilmethoden. Ihre Lehrerin ist Anny, die außer May noch drei andere Mädchen in ihrem Haus aufgenommen hat. Das Gefühl, zu einer Gruppe zu gehören, sei für die Kinder der Beluga School sehr wichtig, betonen die Betreuer. Anny kann bestätigen, dass sich ihre Schützlinge gut entwickelt haben. Am Anfang seien alle sehr still gewesen, inzwischen könnten sie aber auch wieder fröhlich sein, sagt die 31-jährige Frau mit einem herzlichen Lachen.
Die Erinnerungen an den Tsunami kann allerdings niemand ganz aus seinem Gedächtnis löschen. Sie habe Cousins und Freunde verloren, erzählt May, die die Flutwelle zwar gehört, aber nicht gesehen hat. Sie lebte mit ihren Eltern in dem Dorf Thadindang, das durch Mangrovenwälder vor dem Tsunami geschützt war.
Von der Welle mitgerissen
Ihre etwa gleichaltrige Mitbewohnerin Saw wurde zusammen mit ihrer Mutter von einer der Flutwellen erfasst. Saw rettete beiden das Leben, als sie zu einem Baum schwamm, an dem sich beide festklammern konnten, bis Retter kamen. Wie durch ein Wunder überlebte auch die Fischverkäuferin Pen, die mit ihrem Motorrad vom Markt direkt auf die erste Flutwelle zufuhr. Wegen der vielen Menschen und Fahrzeuge, die ihr entgegenkamen, konnte sie nicht weiterfahren und flüchtete sich gemeinsam mit anderen auf eine Anhöhe. Den Schock hat die 31-Jährige, die sich in der Beluga School um Hausarbeiten kümmert, bis heute nicht überwunden: Sie schläft schlecht und leidet an Appetitlosigkeit.
 |  Kinder posieren vor der Kamera | Foto: Beluga School for Life |
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Während der Eröffnungsfeier rückt die Flutkatastrophe aber in den Hintergrund: Kinder tanzen in farbenprächtigen Kostümen, tragen Lieder vor und lassen als Höhepunkt des Abends 99 Heißluft-Papierlampions in den Himmel steigen. Für die Besucher aus Europa hat die Schule das Lichterfest Loy Kratong vorgezogen, das eigentlich erst im November stattfindet. Nach einem alten indischen Brauch werden dann bei Vollmond Schiffchen mit Kerzen in Flüssen ausgesetzt, um Kummer und Elend zu vertreiben - die Lampions sind eine Variante des Festes aus Chang Mai.Die Erwachsenen sind sichtlich stolz auf das, was mitten im Urwald entstanden ist. Ihre Erfahrungen wollen sie bald auch mit Urlaubern teilen, die in Bungalows auf dem Gelände der Schulen untergebracht werden sollen. Ein erster Beitrag zu einem bestandsfähigen Tourismus, der auch einen wichtigen finanziellen Beitrag zu dem Projekt leisten kann.
Für die Beluga School for Life engagiert sich als Unicef-Botschafterin auch die Schauspielerin Susanne Gärtner – bekannt aus der ZDF-Telenovela «Julia – Wege zum Glück». Acht deutsche Popmusiker haben gemeinsam mit den Waisenkindern die CD «Home» aufgenommen, aus deren Verkauf jeweils fünf Euro an die beiden Schulen in Na Nai und Chang Mai gespendet werden.
Als Organisator und Sänger war Kai Wingenfelder von der Band «Fury in The Slaughterhouse» beteiligt, der auch eine begleitende DVD produzierte. Mitgewirkt haben außerdem die Sängerinnen Astrid North von der Band «Cultured Pearls» und Maya Saban sowie der Schlagzeuger Stephan Eggert («Selig»), der Bassist Stephan Gade («The Land»), der Sänger Thomas Hanreich («Vivid»), Gunter Papperitz («Soulounge») an den Keyboards und der Gitarrist Henning Rümenapp («Guano Apes»). Im kommenden Frühjahr sollen die Stücke auch mit dem Staatsorchester Hannover aufgeführt werden.