Tunesien besorgt über Schleier-Trägerinnen
01.11.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Kopftücher und Schleier tauchen selbst in der mondänen Hauptstadt Tunis immer öfter auf. In Tunesiens Provinz fallen Frauen mittlerweile eher auf, wenn sie ohne den «Hidschab» - ein Kopftuch, das die Haare bedeckt - das Haus verlassen.
Gerade Studentinnen des nordafrikanischen Landes gehen mit der Kopftuchmode, die vor ein, zwei Jahren aufkam und noch um sich greift. Sie setzen dabei raffinierte Stoffe und Farben ein. Der Staat sieht diesen Trend zurück zur Tradition mit erheblichem Misstrauen.
«Wir können Kopftuch und Schleier nicht zulassen, das wäre ein regelrechter Rückschritt», warnte der Parteichef der allmächtigen Regierungsformation RCD (Rassemblement Constitutionnel Démocratique), Hédi M'henni: «Morgen werden wir dann gezwungen sein, das Recht der Frau auf Arbeit, auf Ausbildung und ihr Wahlrecht abzubauen und sie auf das Gebären zu beschränken.»
Die politische Führung des Landes ist deshalb entschlossen, einem Dekret des «obersten Kämpfers» und Staatsbegründers Habib Bourguiba Respekt zu verschaffen: Der «Erlass 108» von 1981 untersagt den Schleier nicht nur in Verwaltung, Schule und Universität, sondern allgemein «in allen öffentlichen Räumen».
Nun sieht Tunis es als dringlich an, den Erlass auch wirklich durchzusetzen - und nimmt dabei sogar «brüderliche» Kritik des in Katar ansässigen Fernsehsenders Al Dschasira in Kauf. Gelegentliche Polizeiaktionen gegen Kopftuchträgerinnen sollen abschrecken, Frauen in der Stadt Sfax wurde der «Voile» auf offener Straße weggerissen.
So ist Präsident Ben Ali in der Zwickmühle. Habib Bourguiba baute sich nach der Unabhängigkeit des Landes 1956 eine Präsidialherrschaft mit uneingeschränkter Macht auf, schenkte der Tunesierin aber auch die Rechte, von denen Frauen in manchen Ländern nur träumen können: Die Verfassung von 1959 hob die Polygamie und die Scharia auf, also die Gerichtsbarkeit des Islam.
Die Gleichstellung von Mann und Frau in dem arabischen Staat der sunnitischen Muslime gehörte zu Bourguibas Bausteinen einer modernen Gesellschaft. Etwa die Hälfte der 2005 eingereichten Scheidungen ging von Frauen aus. Lehrerinnen, Ärztinnen, Rechtanwältinnen prägen dieses Land der zehn Millionen Tunesier ebenso wie junge Frauen das Campus-Leben der Universitäten.
Der Staatspräsident setzt dabei ganz auf Flexibilität. So werden etliche Moscheen gebaut, die allerdings außerhalb der Gebetszeit geschlossen bleiben müssen. Und Ben Ali weiß wohl, dass Frauen mit ihrem Schleier nicht nur muslimische Tradition gegen «westliche Arroganz» setzen, sondern so auch Halt suchen - in einem Land, das für manche zu rasant in die Moderne aufgebrochen ist. (dpa)

