netzeitung.deTunesien besorgt über Schleier-Trägerinnen

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Muslimische Frauen in der tunesischen Stadt Monastir (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Muslimische Frauen in der tunesischen Stadt Monastir
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

In Tunesien legen immer mehr Frauen den muslimischen Schleier an. Die Regierung will aber verhindern, dass Islamisten in dem als weltoffen geltenden Land an Einfluss gewinnen.

Von Hanns-Jochen Kaffsack

Kopftücher und Schleier tauchen selbst in der mondänen Hauptstadt Tunis immer öfter auf. In Tunesiens Provinz fallen Frauen mittlerweile eher auf, wenn sie ohne den «Hidschab» - ein Kopftuch, das die Haare bedeckt - das Haus verlassen.

Gerade Studentinnen des nordafrikanischen Landes gehen mit der Kopftuchmode, die vor ein, zwei Jahren aufkam und noch um sich greift. Sie setzen dabei raffinierte Stoffe und Farben ein. Der Staat sieht diesen Trend zurück zur Tradition mit erheblichem Misstrauen.

Präsident Zine el Abidine Ben Ali geißelte unlängst den «Hang zu einem von außen importierten Sektierertum». Denn Tunesien ist zwar ein muslimisches Land und Staatschef kann nur ein Muslim werden. Doch das Touristenparadies versteht sich bereits seit einem halben Jahrhundert als modern und weltoffen, als «Land der Öffnung».

«Wir können Kopftuch und Schleier nicht zulassen, das wäre ein regelrechter Rückschritt», warnte der Parteichef der allmächtigen Regierungsformation RCD (Rassemblement Constitutionnel Démocratique), Hédi M'henni: «Morgen werden wir dann gezwungen sein, das Recht der Frau auf Arbeit, auf Ausbildung und ihr Wahlrecht abzubauen und sie auf das Gebären zu beschränken.»

Die politische Führung des Landes ist deshalb entschlossen, einem Dekret des «obersten Kämpfers» und Staatsbegründers Habib Bourguiba Respekt zu verschaffen: Der «Erlass 108» von 1981 untersagt den Schleier nicht nur in Verwaltung, Schule und Universität, sondern allgemein «in allen öffentlichen Räumen».

Nun sieht Tunis es als dringlich an, den Erlass auch wirklich durchzusetzen - und nimmt dabei sogar «brüderliche» Kritik des in Katar ansässigen Fernsehsenders Al Dschasira in Kauf. Gelegentliche Polizeiaktionen gegen Kopftuchträgerinnen sollen abschrecken, Frauen in der Stadt Sfax wurde der «Voile» auf offener Straße weggerissen.

Angriff auf Demokratie befürchtet
Nicht nur traditionsbewusste, konservative Muslime - der Islam ist in Tunesien Staatsreligion, 99 Prozent sind muslimisch - kritisieren das. Oppositionelle sehen darin auch eine problematische Attacke auf demokratische Freiheiten.

So ist Präsident Ben Ali in der Zwickmühle. Habib Bourguiba baute sich nach der Unabhängigkeit des Landes 1956 eine Präsidialherrschaft mit uneingeschränkter Macht auf, schenkte der Tunesierin aber auch die Rechte, von denen Frauen in manchen Ländern nur träumen können: Die Verfassung von 1959 hob die Polygamie und die Scharia auf, also die Gerichtsbarkeit des Islam.

Die Gleichstellung von Mann und Frau in dem arabischen Staat der sunnitischen Muslime gehörte zu Bourguibas Bausteinen einer modernen Gesellschaft. Etwa die Hälfte der 2005 eingereichten Scheidungen ging von Frauen aus. Lehrerinnen, Ärztinnen, Rechtanwältinnen prägen dieses Land der zehn Millionen Tunesier ebenso wie junge Frauen das Campus-Leben der Universitäten.

Präsident hält Islamisten auf Distanz
Der 70-jährige Ben Ali will hinter diese Errungenschaften des sozialistischen «Vaters der Unabhängigkeit», den er 1987 mit einem sanften Putsch abgelöst hatte, nicht zurück. Er hält die Islamisten in Tunesien geschickt und notfalls mit Gewalt auf Distanz, richtet das kleine Land zwischen Algerien und Libyen wirtschaftspolitisch und technologisch auf Europa aus.

Der Staatspräsident setzt dabei ganz auf Flexibilität. So werden etliche Moscheen gebaut, die allerdings außerhalb der Gebetszeit geschlossen bleiben müssen. Und Ben Ali weiß wohl, dass Frauen mit ihrem Schleier nicht nur muslimische Tradition gegen «westliche Arroganz» setzen, sondern so auch Halt suchen - in einem Land, das für manche zu rasant in die Moderne aufgebrochen ist. (dpa)