netzeitung.de«Es wird neue Machtzentren geben»

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Michail Gorbatschow im Gespräch mit Michael Maier (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Michail Gorbatschow im Gespräch mit Michael Maier
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Michail Gorbatschow über die Atombombe, die Amerikaner und seine alten Knochen.

Netzeitung: Sie haben vorhin erwähnt, dass Sie mit den Amerikanern gemeinsam wußten, wie gefährlich die Drohung mit der Atombombe ist. Heute testet Nordkorea Atomwaffen. Steht die Welt unter Umständen an der Schwelle zu einer neuen substantiellen atomaren Bedrohung?

Gorbatschow: Ich bin nicht der Auffassung, dass wir momentan vor einer unmittelbaren atomaren Bedrohung stehen. Allerdings ist das ein Thema, wo wir noch sehr, sehr viel zu tun haben, um diese Bedrohung ein für alle Mal zu bannen. Mich beunruhigt natürlich die Lage in Nordkorea und die dortigen Atomwaffentests. Aber mich beunruhigt auch noch etwas ganz anderes. Es gibt ungefähr 30 Staaten, die an der Schwelle zur Produktion atomarer Waffen stehen. Und um diese Staaten davon zu überzeugen, nicht weiter mit der Arbeit von waffenfähigem Material fortzufahren, müsste sich der atomare Club anders benehmen. Der Artikel 6 des Atomwaffensperrvertrages sieht zum Beispiel vor, dass auch diejenigen, die heute legal über atomare Waffen verfügen, weiter abrüsten. Dieser Abrüstungsprozess ist allerdings zum Stillstand gekommen. Im Gegenteil: Es wird mehr gemacht, um die bestehenden Nuklearwaffen weiter zu vervollkommnen, um damit die so genannten 'Spezialaufgaben' lösen. Es ist auch klar, dass andere Staaten fragen: Was will der atomare Club überhaupt? Wollen sie das Waffenmonopol haben? Wollen sie uns alles in der Politik diktieren? Aber andererseits ihre atomare Macht nicht mit uns teilen?

Netzeitung: Aber das sind nicht die Gründe für Nordkorea, die Atombombe zu testen...

Gorbatschow: Nordkorea hat enorme soziale Probleme und es würde ganz dringend internationale Hilfe und Kooperation benötigen. Was Nordkorea im Moment mit dem Nuklearprogramm macht, ist vermutlich ein sehr eigenartig geratener Versuch, die eigenen Probleme zu lösen. Nordkorea wird unbedingt – das geht gar nicht anders – mit den Atommächten weiter verhandeln müssen. Wahrscheinlich sollten auch die USA hier etwas unternehmen und bilateral verhandeln. Aus dem Club der Atommächte könnten insbesondere Russland und China einen Beitrag zur Lösung des Nordkoreaproblems leisten. Immerhin haben Russland und China schon immer enge Beziehungen zu Nordkorea unterhalten. Deshalb, denke ich, ist es notwendig, dass die Politiker nicht nur schöne Reden halten, sondern sich in so einer extremen Situation wirklich mit Realpolitik beschäftigen.

Netzeitung: Nun hat sich die Welt ja dahingehend verändert, dass es früher zwei Supermächte gab, die die Welt gewissermaßen im Gleichgewicht gehalten haben. Heute gibt es nur noch die Amerikaner. Ist die Welt aus Ihrer Beobachtung sicherer geworden?

Gorbatschow: Wissen Sie, die Atmosphäre der Offenheit nach dem Ende des Kalten Krieges hätte es uns eigentlich ermöglicht, viel mehr miteinander zu reden. Allerdings bin ich der Meinung, dass wir nach dem Ende des Kalten Krieges die ersten Jahre für die Lösung der wichtigsten Fragen völlig verloren haben. Da hat der Westen mehr seine geopolitischen Interessen verfolgt. Mit dem weltweiten Handel hat er ausgenutzt, was durch eine spontane, unkontrollierte Globalisierung möglich wurde. Dadurch ist die Kluft zwischen Reich und Arm größer geworden, während viele Herausforderungen in den Bereichen Sicherheit, Armut und Umweltschutz geblieben sind. Die Welt dreht sich viel schneller, als die Politik heutzutage darauf zu reagieren vermag. Und das beunruhigt mich schon außerordentlich.

Vielleicht muss ich hier noch eine ganz wichtige Ergänzung machen: Ich denke, unsere amerikanischen Freunde leiden heutzutage an einer Krankheit, die schlimmer ist als Aids. Ich würde diese Krankheit als den Siegerkomplex bezeichnen. Und ich denke, die Amerikaner können sich einfach nicht von ihrer alten politischen Linie trennen gegenüber Europa. Sie können sich nicht von ihrer alten Europapolitik lösen, die sie nach dem kalten Krieg angefangen haben. Da war es ihnen darum gegangen, in ganz Westeuropa das Sagen zu haben. Und diesen alten Anspruch werden die Amerikaner nicht los.

Netzeitung: Wie meinen Sie das?

Gorbatschow: Schauen Sie sich einmal an, was sie nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht haben. Um Deutschland irgendwie unter Kontrolle zu halten, haben sie das Land schließlich sogar zerschlagen. Sie wissen, dass die Sowjetunion damals anderer Meinung war. Der damalige NATO-Generalsekretär hat verkündet: Was wir brauchen, ist unbedingt eine Präsenz der Amerikaner in Europa. Wir müssen Deutschland kontrollieren und Russland aus Europa fernhalten. Die Politik der Amerikaner hinsichtlich der EU und hinsichtlich des postsowjetischen Raums erfüllt manchen von uns doch mit Verwunderung und Enttäuschung. Man muss den Amerikanern mal ganz klar sagen: Es gibt nicht nur die Interessen der Vereinigten Staaten, sondern auch legitime Interessen der Europäischen Union, wo eine halbe Milliarde Menschen leben, die in der Lage sein müssen, ihr eigenes Schicksal, ihren eigenen demokratischen Weg zu entscheiden.

Netzeitung: Die Amerikaner sind eben die einzig verbliebene Supermacht...

Gorbatschow: Die USA werden auch in Zukunft durchaus ihre Rolle zu spielen haben. Aber nicht mehr die gleiche Rolle, sondern eine geringere Rolle. Es wird ein gestärktes vereintes Europa geben. Und es wird dann auch noch die großen Staaten geben wie Russland, China, Indien, Japan und Brasilien, die alle gleichermaßen den Gang der Welt mitbestimmen sollen. Es wird also auch neue Machtzentren geben. Dann müssen die Amerikaner verstehen, dass es notwendig ist, Dinge partnerschaftlich zu entscheiden und als Partner zu handeln, anstatt immer nur Kommandos geben zu wollen.

Netzeitung: Sie haben ja als Einzelner im Grund die Welt verändert, auch in einer Situation, wo man gesagt: Das kann eigentlich keiner schaffen, das System ist zu stark. Was würden Sie denn tun, wenn Sie heute amerikanischer Präsident wären?

Gorbatschow: Ach, amerikanischer Präsident, wissen Sie, da kann ich mich an eine Reise erinnern, die ich damals mit Raissa (die im Jahr 1999 verstorbene Frau Gorbatschows, Anm. d. Red.) gemacht habe nach Los Angeles. Wir wollten gerade ins Hotel gehen, Sie wissen, wie die amerikanischen Journalisten sind: «Eine Frage nur!» Und ich habe gesagt: «Kann ich bitte erst meinen Koffer abstellen?» «Nein, nur eine Frage!» Es waren gerade Wahlen in den USA, und die haben mich gefragt, ob ich nicht für den Vizepräsidenten kandidieren würde. Und ich habe ihnen gesagt: «Nein, ich war schon mal Präsident, das reicht!» Ich bin kein junger Mensch mehr, mir bleiben nicht mehr viele Jahre für ein aktives Leben, ich bin immerhin 76. Aber die Rolle, die ich heute ausübe, gefällt mir eigentlich sehr gut. Es gefällt mir, dass ich in der Lage bin, Prozesse zu analysieren, zu verstehen, zu bewerten, und dass ich meinen – wenn auch passiven – Beitrag leisten kann zu einer Veränderung in der Welt. Und zwar im Sinne Papst Johannes Pauls II. eine Veränderung, die zu einer humaneren, stabileren, menschlicheren Welt führt.

Netzeitung: Das ist schon ein ganz erheblicher Beitrag...

Gorbatschow: Manchmal denke ich: Sind wir Alten wirklich noch notwendig? Wäre es nicht besser, ich würde mich auf meine Datsche begeben, dort im Wald spazieren gehen, mir in der Sonne die alten Knochen wärmen? Aber eigentlich ist das nicht meine Rolle. Ich muss noch was tun.

Netzeitung: Darüber sind wir auch sehr froh, und wir bedanken uns ganz herzlich für dieses Gespräch.


Mit Michail Gorbatschow sprach Michael Maier. Übersetzung: Silvia Schreiber.