netzeitung.de«Es fällt mir schwer, ruhig zu schlafen»

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Michail Gorbatschow (l.) im Gespräch mit Michael Maier (Foto: nz<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Michail Gorbatschow (l.) im Gespräch mit Michael Maier
Foto: nz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Michail Gorbatschow im Interview über seine Ängste während der Revolution, über Lenin, Putin und das Glück.

Netzeitung: Wir freuen uns sehr, dass wir die Gelegenheit haben, mit Ihnen zu sprechen. Es gibt sehr wenige Menschen, die den Gang der Geschichte als einzelne so stark beeinflusst haben wie Sie, Herr Präsident!

Gorbatschow: Ich danke Ihnen, dass Sie mich empfangen, und ich bin gerne bereit, Ihre Fragen zu beantworten.

Netzeitung: Deutschland ist nicht zuletzt durch Ihr Wirken in den vergangenen Jahren ein anderes Land geworden. Wir brauchen in Berlin nur zum Fenster hinauszusehen...

Gorbatschow: Berlin hat sich wirklich sehr verändert – es ist vor allen Dingen heller geworden. Ich erinnere mich noch, als ich das erste Mal nach Berlin kam, das war 1966. Da gab es noch viele zerstörte Gebäude, sehr viele dunkle, geschwärzte Gebäude. Heute hingegen ist selbst der Reichstag hell.

Netzeitung: Hätten Sie sich vorgestellt, dass es mal so aussehen wird?

Gorbatschow: Ich habe damals in erster Linie natürlich an die Politik gedacht. Ich habe daran gedacht, dass nichts bleiben wird, wie es ist: Das gesamte Leben wird sich ändern. Ich wusste auch, dass es Probleme geben wird. Es ist doch klar, dass es einem Volk es nicht so leicht fällt, sich wiederzuvereinigen. Allerdings ist es auch eine Tatsache, dass die Stadt Berlin und die Bundesregierung sehr viel für die Rekonstruktion tun, für die gesamte architektonische Neugestaltung Berlins. Das ist gut und es ist vor allem ein schönes Symbol.

Netzeitung: Obwohl noch viel zu tun ist...

Gorbatschow: Ich habe neulich auch ein Wohngebiet besucht. Da habe ich gesehen, wie man die Häuser rekonstruiert hat – Häuser, die irgendwann mal gebaut worden sind, und die den heutigen Anforderungen der Bewohner nicht mehr entsprechen. Das hat mich erstaunt und es hat mir gefallen, weil es mir zeigt – und das ist das Wichtige daran – dass die Menschen hier an erster Stelle stehen, dass etwas für sie getan wird.

Netzeitung: Sie sagen, Sie haben in erster Linie als Politiker gehandelt. Hatten Sie eigentlich jemals Angst in diesem ganzen Prozess? Schläft man als einsamer Reformer mal auch nachts schlecht und sagt sich: Das könnte ja alles ganz schrecklich schief gehen?

Gorbatschow: Selbst heute fällt es mir schwer, ruhig zu schlafen. Wenn ich die Ereignisse aus der Sicht meines heutigen Alters betrachte, würde ich es wahrscheinlich kaum noch wagen, solche Reformen in Angriff zu nehmen. Ich war 54 Jahre alt. Mit 54 war Lenin schon tot, Putin wird mit 54 seine Amtszeit beenden. Aber für die damalige Zeit und im Vergleich mit anderen Führungspersönlichkeiten in der Sowjetunion war ich relativ jung. Nachdem ich die Uni absolviert hatte, habe ich 25 Jahre lang in der Provinz gearbeitet. 10 Jahre davon war ich führend in Stawropol tätig, war dort Leiter des Bezirks, und deshalb kannte die Probleme sehr gut. Ich wusste, dass die Leute einfach mehr Luft zum Atmen brauchen, mehr Freiheit benötigen. Und dafür habe ich dann auch gesorgt. Ich habe das immer «meine kleine Perestroika» genannt. Dies auf das gesamte Land zu übertragen, das war allerdings ein ganz anderer Maßstab. Ich wusste, dass dies ein riskantes Unternehmen sein würde.

Netzeitung: Wenn Sie sich heute Russland ansehen – sind Sie, trotz aller Schwierigkeiten, glücklich, dass das gelungen ist?

Gorbatschow: Ich bin ein glücklicher Mensch. Ich habe vor Jahren einen Artikel geschrieben mit dem Titel: «Glückliche Reformatoren gibt es nicht». Hinterher habe ich gedacht: Wahrscheinlich habe ich mich geirrt. Weil es doch eine einmalige Chance ist, im Zentrum der Ereignisse zu stehen. Genau zu dem Zeitpunkt, an dem sich die Dinge gerade verändern. Unsere Welt war reif für Veränderungen. Und zwar nicht nur bei uns, sondern in allen Ländern! Im Grunde habe ich Glück gehabt, in die Politik gekommen zu sein. Und genau deswegen habe ich dann später meine Meinung revidiert.