netzeitung.dePotsdamer Platz auf dem Hindukusch

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Bundeswehr-Soldaten auf der Baustelle in Camp Marmal (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Bundeswehr-Soldaten auf der Baustelle in Camp Marmal
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Masar-i-Scharif im Norden Afghanistans: Hier entsteht das größte Feldlager der Bundeswehr außerhalb Deutschlands. Es ist ein Kampf gegen eine schöne, aber unwirtliche Natur. Schon der Umzug aus dem relativ sicheren Kabul wird ein riskantes Kommando.

Von Can Merey

Die Sonne knallt vom Himmel, das Thermometer zeigt mehr als 40 Grad. Die Hitze ist unerbittlich, ebenso wie der graue Staub, den die Soldaten Mondstaub nennen. Seine Partikel sind so fein, dass sie schon unter dem Fuß aufwirbeln, bevor der Stiefel ganz aufgetreten ist. Der Mondstaub ist überall: in den Nasen und Ohren, auf den Gesichtern und Uniformen der Soldaten, die im nordafghanischen Masar-i-Scharif das größte Feldlager der Bundeswehr außerhalb Deutschlands bauen. Der Lagerbau ist ein Kampf gegen die Widrigkeiten der Natur - und ein Wettlauf mit der Zeit. Am Montag beginnt der Umzug der Bundeswehr von Kabul nach Masar-i-Scharif.

Bis zu 16 Stunden sind die Konvois aus der afghanischen Hauptstadt, die bisher der Einsatzschwerpunkt der Bundeswehr am Hindukusch gewesen ist, unterwegs. Nur rund 400 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Kabul und Masar-i-Scharif - doch die Fahrt ist wegen möglicher Terroranschläge nicht nur gefährlich, sondern auch mühsam. Der Weg führt über schlechte Straßen voller Schlaglöcher, und über das Hindukusch-Gebirge: Bergauf laufen den Fahrzeugen die Motoren, bergab die Bremsen heiß.

Gefährliche Idylle
Wenn die Konvois nach der strapaziösen Reise im Camp Marmal ankommen, erwartet die Soldaten eine eindrucksvolle Kulisse. Der Bergzug, der sich hinter dem Lager in den Himmel erhebt und der der Namenspatron des Camps ist, leuchtet bei Sonnenuntergang orange auf. Doch die Idylle birgt Gefahren: Die Hügelkette vor den Bergen bietet theoretisch zahllose Möglichkeiten, das Camp zu beschießen, das mit seinen zwei Quadratkilometern Fläche kaum zu verfehlen sein dürfte.

Die Container der Soldaten sollen daher annähernd so sicher wie Bunker sein, das Lager so gut geschützt wie kein anderes. Generell gilt: Beim Bau des neuen Lagers wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Sechs Kilometer Mauer umgeben das Camp, der drei Meter hohe Wall scheint sich schier endlos in die Steppe zu erstrecken. Der in dem Lager verbaute Beton würde 70 Schwimmbäder mit je 50 Metern Länge füllen, sagt Oberstleutnant Reinhard Großkopf, der das Projekt leitet. Der auf dem Steppenboden verstreute Schotter würde sich auf der Fläche eines Fußballplatzes 80 Meter hoch türmen, der verwendete Baustahl «für ein größeres Luxuskreuzfahrtschiff» ausreichen.

Deutsches Kommando für Nordafghanistan
Schon am kommenden Donnerstag soll die Bundeswehr aus Camp Marmal heraus das Kommando über die internationale Schutztruppe ISAF in Nordafghanistan übernehmen. Bis Jahresmitte sollen Unterkunfts- und Stabsbereiche bezugsfertig werden, bis Jahresende soll der Lagerbau ganz abgeschlossen sein. Um die ambitionierten Ziele zu erreichen, schuften seit Monaten nicht nur deutsche Soldaten, sondern auch zahlreiche Afghanen auf dem Bau. Zwischen 1000 und 1500 Einheimischen biete das Projekt eine Einkommensquelle, sagt Großkopf, die Baustelle sei zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor in der Region geworden.

«Mit Sicherheit ist das meine größte Aufgabe bislang», sagt Großkopf. Angst, den Zeitplan nicht einhalten zu können, hat der Bauleiter nicht, auch wenn es in der Vergangenheit «schon manchmal eng» geworden sei. «Ich bin sicher, dass wir das Ziel einwandfrei erreichen werden.» Bis dahin wird der Spitzname, den das Lager hat, erhalten bleiben: «Potsdamer Platz» wird das Camp in Anlehnung an die einst größte Baustelle in Europa bei den deutschen Soldaten genannt.

Täglicher Kampf gegen Hitze und Staub
Sie sind jeweils vier Monate in Masar-i-Scharif stationiert - in denen sie sechseinhalb Tage pro Woche auf dem Bau arbeiten. «Auf jeden Fall bin ich stolz, wenn ich sehe, wie das Lager wächst», sagt ein 27-jähriger Unteroffizier, vor ihm wirbelt ein Bagger Mondstaub auf. Ingolf Seifert steht daneben, der Hauptmann ist Chef der Feldlager-Baukompanie. Motivationsprobleme gebe es überhaupt keine, sagt er. Seifert ist nicht nur stolz auf die Fortschritte beim Bau, sondern auch auf seine Kameraden, die tapfer Hitze und Staub trotzen. «Hut ab vor den Soldaten, die jeden Tag draußen sind», sagt er. «Das ist immens anstrengend.» (dpa)