netzeitung.deUnruhen in Frankreich waren «soziale Revolte»

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Ausschreitungen in Frabkreich (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Ausschreitungen in Frabkreich
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die französische Polizei sieht in den Vorstadtunruhen eine «soziale Revolte». Damit widerspricht sie Innenminister Sarkozys Meinung, der von «perfekt organisierten» Ausschreitungen spricht.

Nach Einschätzung der Geheimdienstabteilung der französischen Polizei sind die Ausschreitungen in Frankreichs Vorstädten eine «soziale Revolte ohne Führer und Programm» gewesen und nicht von Kriminellen oder Islamisten gesteuert worden. «Frankreich sorgt sich in erster Linie um den Terror radikaler Islamisten und hat das komplexe Problem der Vorstädte vernachlässigt», heißt es in einem Bericht der Renseignements Généraux (RG), aus dem die Zeitung «Le Parisien» am Mittwoch ausführlich zitierte.

Die Jugendlichen hätten sich «viel mehr mit ihrer sozialen Notlage identifiziert als mit ihrer Herkunft», heißt es weiter. Damit widerspricht die RG Innenminister Nicolas Sarkozy. Dieser hatte gesagt, die Unruhen seien von festen Banden «perfekt organisiert» worden. Der Hass komme von «Mafias», die «sich Gebiete aneignen und dort mit dem Faustrecht herrschen» wollten.


Sarkozy trifft Nerv der Bevölkerung
Trotz Sarkozys fehlgeschlagener Abschiebeplänen für mehr als 150 Einwanderer und der Verbreitung falscher Behauptungen über die kriminelle Vergangenheit festgenommener Randalierer, trifft er mit seinen Aussagen zu den Unruhen offenbar den Nerv der Bevölkerung. Seine Umfragewerte sind seit der Jugendrandale kontinuierlich gestiegen, und seine Aussichten für eine Kandidatur zur Präsidentenwahl 2007 haben sich verbessert.

Die RG sieht das Hauptproblem der Unruhen nicht einzig in der ethnischen oder geographischen Herkunft der Randalierer. Vielmehr seien ihr sozialer Ausschluss aus der französischen Gesellschaft die Ursache für die Unzufriedenheit. Anders könne die spontane Ausweitung auf hunderte Orte, zwischen denen keine Solidarität herrsche, nicht erklärt werden. Damit stellte sie sich auch gegen Aussagen von Regierungspolitikern, die die Revolten allein auf die Herkunft der Jugendlichen aus muslimischen oder polygamen afrikanischen Familien zurückführten.

Dem Bericht der RG zufolge hat es niemals zuvor so lange andauerte Unruhen in französischen Vorstädten gegeben, die so viele Städte erfassten und so hohe Schäden anrichteten. In den drei Kravallwochen im Oktober/November waren mehr als 9000 Autos sowie hunderte Gebäude, darunter viele Schulen und Turnhallen, angezündet worden. Es entstand ein Versicherungsschaden in Höhe von 250 Millionen Euro.

Die RG rechnet bereits mit erneuten Unruhen in der Silvesternacht, in der das Anzünden von Autos schon zu einer französischen Tradition geworden sei. Mit der Verlängerung des Notstandsrechts hat sich die Regierung bis in den Februar hinein die Möglichkeit geschaffen, zum Jahreswechsel Ausgangssperren in Risiko-Vorstädten zu verhängen.(nz)