28. Dez 2004 22:08
Nach der Flutkatastrophe mit zehntausenden Toten drohen den betroffenen Regionen in Südasien Seuchen. Experten befürchten noch einmal so viel Todesopfer.
In den Katastrophengebieten Südasiens droht nach der Flutkatastrophe der Ausbruch von Seuchen. Die World Health Organization (WHO) schließt eine Verdoppelung der Todesopfer durch Seuchen in den betroffenen Ländern nicht aus. «Es besteht eine Wahrscheinlichkeit, dass genau so viele Menschen durch übertragbare Krankheiten sterben wie durch die Flutwelle», sagte der WHO-Experte David Nabarro am Dienstag in Genf.Die Zahl der Toten wurde am Dienstagabend auf mehr als 55.000 geschätzt. Das größte Problem sei nun die Versorgung der Überlebenden mit sauberem Trinkwasser und die Wiederherstellung der Abwassersysteme, so die WHO. Alle internationalen Hilfsorganisationen haben die Versorgung mit Frischwasser und die Aufbereitung von Wasser zu einem ihrer wichtigsten Ziele in der Katastrophenregion gemacht.
Zudem könnten sich Malaria oder die Virusinfektion Denguefieber ausbreiten. Diese Krankheiten werden von Moskitos übertragen, denen die obdachlos gewordenen Menschen verstärkt ausgesetzt sind. Besonders gefährdet von den Seuchen seien Kinder, sagte die Unicef-Direktorin Carol Bellamy, für sie seien die nächsten Tage entscheidend. Sie sagte außerdem, dass unter den jetzigen Todesopfern vermutlich jedes dritte ein Kind sei.
Die Deutsche Welthungerhilfe (DWHH) forderte so schnell wie möglich Schutzmaßnahmen gegen die Ausbreitung von Seuchen. «Die Situation ist weit dramatischer als bisher angenommen. Es muss schnell gehandelt werden», sagte der DWHH-Mitarbeiter Martin Baumann am Dienstag in Sri Lanka. Er berichtete von Leichenbergen und Massengräber in der Region um Mullaittivu im Norden des Landes, die das Trinkwasser verseuchen könnten. Die DWHH verteilt in den Gebieten der tamilischen Minderheit Nahrung, Decken und Trinkwasser.In Sri Lanka gibt es neben der Seuchengefahr eine zusätzliche Gefahr durch Landminen aus dem Bürgerkrieg, die von den Wellen freigespült wurden.
Die indische Regierung rief die Bevölkerung zur Ruhe auf. Verteidigungsminister Pranab Mukherjee sagte Medienberichten zufolge nach einer Kabinettssitzung am Dienstagabend, es gebe wegen der Seuchengefahr keinen Grund zur Panik. Alle betroffenen Bundesstaaten seien angewiesen worden, angemessene medizinische Voraussetzungen zu schaffen, um eine Epidemie zu verhindern. Armee und Hilfsorganisationen seien zudem beauftragt worden, verwesende Leichen umgehend zu «beseitigen». (nz)