Kardinäle für Papst aus Dritter Welt
09.10.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Netzeitung: Herr von Gemmingen - was wissen Sie über den Gesundheitszustand des Papstes?
Pater Eberhard von Gemmingen: Das Einfachste ist, ihn sich im Fernsehen anzuschauen, dann sieht man, dass er altersschwach ist. Ich würde auch nicht vom Gesundheitszustand des Papstes sprechen, sondern vom Alterungsprozess. Und natürlich ist ein altersschwacher Mensch für jede kleine Krankheit anfälliger. Wir wissen alle, dass er Parkinson hat, und er tut eben jetzt noch, was er tun kann. Übrigens hat er selbst mal gesagt: 'Wenn ich wissen will, wie es mir geht, dann muss ich nur in italienische Zeitungen schauen, da steht's ganz genau drin'.
Netzeitung: In den Medien wird derzeit viel über den Gesundheitszustand des Papstes spekuliert. Inwieweit hat der Vatikan selbst zu der Debatte beigetragen?
Gemmingen: Nicht sehr, würde ich sagen. Jedenfalls hat sich der Heilige Vater nach der Slowakei-Reise vor drei Wochen informieren lassen, wie die Medien der Welt diese Reise wahrgenommen haben. Und er hat zu seinem Bedauern von den Leuten die das verfolgt haben, gehört, dass zwar in der Slowakei seine Botschaft rüberkam, dass aber die Medien der Welt sich nur für seine Gesundheit interessiert haben. Und das hat ihn geärgert und bedrückt, weil er der Meinung ist, 'die sollen sich um was Gescheiteres kümmern'.
Netzeitung: Wie bewerten Sie es, dass sich Kardinäle öffentlich über den gesundheitlich angeschlagenen Papst äußern? Der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn sagte beispielsweise, die Welt sehe einen kranken Papst, der sich den letzten Tagen und Monaten seines Lebens nähere.
Gemmingen: Ich würde sagen, die Kardinäle sind auch Menschen. Und wenn sie gefragt werden, wollen sie gegenüber den Medien anständig reagieren und nicht sagen, 'dazu kein Kommentar'. Ich glaube, der Kardinal Schönborn hat dazu gesagt, was ihm aus dem Herzen kam, ohne dabei politisch werden zu wollen.
Netzeitung: Es gäbe ja auch, wie Kardinal Schönborn sagte, die Möglichkeit, dass der Papst zurücktritt. Warum tut er dies nicht freiwillig?
Gemmingen: Keine Ahnung, aber wenn ich mich in ihn hineindenke, würde ich sagen, der Papst sagt sich, 'der liebe Gott hat mich durch die Wahl der Kardinäle bestimmt. Mein Verstand sagt mir, ein Rücktritt schafft auch Probleme. Und wenn der liebe Gott will, dass ich aufhöre, dann wird er mich schon abberufen'. Ein anderer Papst könnte das anders sehen. Aber: Es ist eben auch eine persönliche Entscheidung. Es ist nicht nur Staatsräson.
Netzeitung: Gewählt wird das Oberhaupt der katholischen Kirche auf Lebenszeit. Es heißt, die Verfassung des Vatikans sehe einen Rücktritt von diesem Amt grundsätzlich nicht vor...
Gemmingen: ...Oh doch, im Kirchenrecht gibt es einen Paragrafen, der einen Rücktritt des Papstes erlaubt. Es muss nur deutlich werden, dass er es klar ausgesprochen hat, nicht nur, 'ich würde gern, ich möchte gern', sondern er muss sagen: 'Ich trete zurück'. Und er muss es freiwillig tun. Wenn eine solche Entscheidung aber unter psychischem, moralischem oder politischem Druck zustande kommt, dann ist das ungültig.
Netzeitung: Das Programm für den Papst in den kommenden Tage ist immens: Am 16. Oktober feiert er sein 25-jähriges Amtsjubiläum, drei Tage später spricht er Mutter Teresa selig, zwei Tage darauf ernennt er 31 neue Kardinäle. Es heißt, mit dieser Ernennung bereitet der Papst auch die Wahl seines Nachfolgers vor. Teilen Sie diese Einschätzung?
Netzeitung: Wer sind denn die Hauptkandidaten? Der österreichische Kardinal Schönborn beispielweise wurde ja in den Medien bereits als möglicher Papst-Nachfolger genannt.
Gemmingen: Es gibt sehr viele Papstkandidaten - wie mir scheint. Bei den meisten Konklaves des letzten Jahrhunderts gab es Überrraschungen. Ich denke Kardinal Schönborn ist einfach ein bißchen jung.
Netzeitung: Lässt sich denn jetzt schon eine Tendenz erkennen, aus welchem Land der neue Papst kommen könnte?
Gemmingen: Ich glaube, die meisten Kardinäle, Bischöfe, die ganze Weltkirche würde sich freuen, wenn sich ein Kandidat fände aus Lateinamerika, aus Afrika oder auch aus Asien, weil das einfach einen guten Eindruck macht und zeigen würde, 'Mensch, wir stehen weltweit gut da'. Aber der Kandidat muss eben auch stimmen. Er muss fähig sein, denn er muss von der Mehrheit gewählt werden. Ich glaube aber, die meisten würden sich freuen, wenn der Schritt aus Italien hinaus nach Polen jetzt in die Dritte Welt weiter führen würde. Aber, wenn es den passenden Kandidaten nicht gibt, dann bleibt man halt in Europa oder gar in Italien.
Netzeitung: Stichwort: Friedensnobelpreis. Der Papst ist nominiert und hat auch gute Chancen, ausgezeichnet zu werden. Wie wird das im Vatikan wahrgenommen?
Gemmingen: Natürlich würden sich die Kardinäle, Bischöfe etcetera freuen und sagen, 'Er hat's verdient'. Aber man kann das auch kritisch sehen. Ich persönlich würde sagen, Politiker, die im Amt sind, sollten eigentlich fast nie einen Friedensnobelpreis bekommen, denn sie tun einfach nur ihre Pflicht. Man kann in dem Sinne auch sagen, der Papst hat einfach seine Pflicht getan - mit guten Beratern und relativ gutem Fingerspitzengefühl. Anders ist das, wenn man den Preis einem Menschenrechtskämpfer gibt. Die birmanische Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi beispielsweise riskiert täglich freiwillig ihr Leben. Insofern ist das doch ein großer Unterschied: ein Amtsträger, der seine Pflicht tut und ein Menschenrechtler, der ganz freiwillig unten an der Basis unter Lebensgefahr kämpft.
Mit Pater Eberhard von Gemmingen sprach Dietmar Neuerer

