Nach Minarett-Abstimmung:
Schweizer Partei will Burkas verbieten
30.11.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Der in der Schweiz geborene katholische Theologe Hans Küng (81) sprach am Montag von einer «gewaltigen Eintrübung» des Verhältnisses zur islamischen Welt. Bisher seien die Muslime in der Schweiz gut integriert gewesen. «Das gefährdet man jetzt.» Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) rief die Religionsgemeinschaften auf, ihren Beitrag zu einem friedlichen Zusammenleben zu leisten. «Sie können vorleben, dass ein gelingendes Miteinander in der Schweiz heute möglich ist», erklärte der Kirchenbund.
Die Schweizer Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf räumte ein, die Regierung sei mit ihrer «vorsichtigen Strategie» gegen das Bauverbot gescheitert: Die Abstimmung «war so stark emotionalisiert, dass wir mit unseren Argumenten nicht durchgedrungen sind.» Regierung, Parlament und die meisten Parteien sprachen sich gegen das Bauverbot aus.
Die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Katrin Göring-Eckardt, zeigte sich bestürzt: «Ich bin erschüttert», sagte sie im ZDF-«Morgenmagazin». Das Votum verstoße gegen die Europäische Menschenrechtskonvention, erklärte die Grünen-Politikerin und Bundestagsvizepräsidentin. Der SPD-Innenpolitiker Sebastian Edathy erklärte, wer Religionsfreiheit garantiere, müsse den Anhängern verschiedener Religionen auch die Möglichkeit geben, Gotteshäuser zu bauen.
Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, sagte der «Berliner Zeitung»: «Dieses Ergebnis ist sehr bedauerlich.» Über ein Grundrecht wie die Religionsfreiheit sollte man nicht abstimmen dürfen. «Ein Minarett gehört zu einer Moschee.»
Jürgen Micksch, Vorsitzender des interkulturellen Rates in Deutschland, nannte den Ausgang des Votums «katastrophal». Er warnte davor, dass Rechtsextremisten und Rassisten in Europa dieses Ergebnis ausnutzen könnten. «Die Wahl wird Auswirkungen auf ganz Europa haben - auch auf Deutschland.»
«Das Ergebnis dieser Abstimmung richtet sich gegen die Werte der Toleranz, des Dialogs und des Respekts vor den religiösen Überzeugungen anderer», erklärte der Präsident des Europarats-Parlaments, Lluís Maria de Puig, am Montag. Europaweit stieß der Ausgang der Volksabstimmung bei Politikern und Kirchen überwiegend auf Kritik.
Die Entscheidung reflektiere die Angst der Schweizer und ganz Europas vor dem islamischen Fundamentalismus, sagte der Präsident des Europarats-Parlaments weiter. Sie werde aber an den Ursachen des Fundamentalismus nichts ändern, so de Puig.
Die Bundesregierung sieht die Religionsfreiheit in der Schweiz durch das Votum gegen den Bau von Minaretten nicht gefährdet. «Die Religionsfreiheit ist in der Schweiz ein ebenso hohes Gut wie in Deutschland», sagte der stellvertretende Regierungssprecher Christoph Steegmans am Montag in Berlin. Die Schweizer Entscheidung sei nicht auf die Bundesrepublik übertragbar, da es hier keine vergleichbaren Volksentscheide gebe.
SPD, Grüne und Linke in Deutschland übten dagegen heftige Kritik am Ausgang des schweizerischen Referendums. Muslime müssten Moscheen bauen können, sagte der Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Olaf Scholz. «Dazu gehört auch ein Minarett, so wie der Kirchturm zur Kirche.»
Bei der Volksabstimmung hatten am Sonntag 57,5 der Schweizer für ein Bauverbot für Minarette in der eidgenössischen Verfassung gestimmt. Auch eine Mehrheit der Kantone stimmte dafür. Eine Gruppe rechtsnationaler Politiker hatte die Initiative gestartet. (epd, nz)

