06.07.2009
Herausgeber: netzeitung.de
«Wie könnt ihr nur so viel Geld für eure Banken ausgeben und zugleich zulassen, dass eine Milliarde Menschen hungert?», fragen Hilfswerke vor dem G8-Gipfel. Die Industrienationen hinken ihren Milliarden-Zusagen weit hinterher.
Die acht führenden Industrienationen (G-8) bleiben bei ihrer jährlichen Hilfe für Afrika nach UN-Angaben um mindestens 20 Milliarden US-Dollar hinter ihren Zusagen zurück. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte Deutschland und die anderen G-8-Länder am Montag in Genf auf, ihre Versprechen einzuhalten. Mehr Engagement bei der Entwicklungshilfe verlangten auch zahlreiche Hilfswerke. Von Mittwoch bis Freitag treffen sich die Staats- und Regierungschef der G-8-Staaten im italienischen l'Aquila.
Ban erinnerte die mächtigen Wirtschaftsnationen an die Zusagen, die sie 2005 im britischen Gleneagles gemacht hatten. Damals hatten die G-8-Staaten beschlossen, die Hilfe für Afrika um 25 Milliarden Dollar bis im Jahr 2010 aufzustocken.
400.000 Kindern droht der HungertodDer UN-Generalsekretär betonte, dass die weltweite Wirtschafts- und Ernährungskrise die Fortschritte im Kampf gegen Armut und Hunger zunichte mache. Das Erreichen der Millenniums-Entwicklungsziele zur Halbierung der Armut bis 2015 sei daher ungewiss, heißt es in einem am Montag in Genf vorgestellten Bericht.
Nach Angaben der UN ging der Anteil der Hungernden von 1990 bis 2006 von 20 auf 16 Prozent zurück, doch seit 2008 steigt die Zahl der hungernden Menschen wieder an. Heute sind mehr als eine Milliarde Menschen chronisch unterernährt. Grund für die massive Zunahme ist die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise. Noch trauriger ist eine Prognose der Weltbank: 400.000 Kinder könnten infolge der Krise pro Jahr frühzeitig sterben. Und bis zu 90 Millionen Menschen werden wohl zusätzlich in extreme Armut gestürzt. Hilfsorganisationen fordern deshalb die Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industriestaaten und Russlands (G8) dazu auf, die Hilfe für arme Länder in der Krise zu verstärken.
«Ein Konjunkturprogramm für die armen Länder» «Wir brauchen nicht nur ein Konjunkturprogramm für die reichen Länder, sondern wir brauchen auch eines für die armen Länder», sagte Jörn Kalinski von der Organisation Oxfam der Nachrichtenagentur dpa. «Gerade die ärmsten Länder sind viel stärker von der Krise betroffen als wir.» Und dabei hätten sie die Krise nicht verursacht.
Das Kinderhilfswerk Unicef rief die G8-Staaten auf, die ärmsten Familien und ihre Kinder vor den Folgen der globalen Wirtschaftskrise zu schützen. Der Einbruch der Weltwirtschaft verschärfe massiv das Ausmaß von Armut, Hunger und Krankheiten bei Kindern. Unicef sprach sich für ein Frühwarnsystem aus, das systematisch den Gesundheitszustand und die soziale Situation der Kinder auch in entlegenen Regionen überwacht.
Ernüchterung macht sich breit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso forderte von den Industriestaaten ein entschiedenes Bekenntnis zur Nahrungsmittelsicherheit in armen Ländern. Nach einem Bericht der britischen «Financial Times» wollen die G-8-Staaten auf dem Gipfel zusätzliche zwölf Milliarden US-Dollar für den globalen Kampf gegen den Hunger bereitstellen. Mit dem Geld soll die Landwirtschaft in den armen Weltregionen gefördert werden.
Doch bei den Hilfsorganisationen, die am Mittwoch ebenfalls nach L'Aquila reisen werden, hat sich größtenteils Ernüchterung breit gemacht. Noch selten vor einem G8-Gipfel lagen ihre Hoffnungen und ihre realistischen Erwartungen so weit auseinander. «Die Befürchtungen überwiegen», gesteht Heike Spielmans, Geschäftsführerin des Entwicklungspolitik-Verbands Venro. Es sehe nicht so aus, als ob man von dem Gipfel Großes erwarten könne.
Die G8-Staaten denken nur an sich selbst Die Hilfsorganisationen fürchten vor allem eines: dass sich die G8-Staaten in der Krise nur um ihre eigenen Probleme kümmern - und zugesagte Entwicklungshilfe nicht zahlen, geschweige denn noch mehr drauflegen. Dabei habe sich doch in der Krise gezeigt, dass Staaten schnell viel Geld locker machen können, wenn der politische Wille vorhanden sei, meint Sylvia Borren von der Organisation «Global Call to Action Against Poverty». Und hat eine deutliche Botschaft an die G8-Lenker: «Wie könnt ihr so viel Geld für eure Unternehmen und Banken ausgeben und es auf der anderen Seite zulassen, dass eine Milliarde Menschen auf der Welt hungern.» (dpa/epd/nz)