Nach dem Rücktritt als Gouverneurin: 

netzeitung.deSarah Palin und der «Blutsport»

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Sie wird doch nicht ...? Sarah Palin (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Sie wird doch nicht ...? Sarah Palin
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Gouverneurin von Alaska will sie nicht länger sein. Aber was dann? Liebevolle Mutter? Außerparlamentarische Unterstützerin der Republikaner? Oder gar … - so manchen US-Kommentatoren beschleicht ein schrecklicher Verdacht.

Zwei Tage nach der überraschenden Ankündigung Sarah Palins, als Gouverneurin von Alaska abzutreten, geht in den USA das Rätselraten über ihre Zukunft weiter. Führende US-Kommentatoren zeigen sich zunächst einigermaßen ratlos. «Sarah Palin hat gestern wieder bewiesen, dass sie eine der unkonventionellsten Politikerinnen ist, die einem unberechenbaren Pfad in eine ungewisse Zukunft folgt», meinte die «Washington Post» am Samstag.

«Frau Palin wartet mit widersprüchlichen Signalen über ihre Absichten und Motive auf», befand die «New York Times». Sollte sie nach Höherem streben, sei der Schritt «ein großes Lotteriespiel». Sie selbst sprach nur davon, mehr Zeit mit ihrem mit Down-Syndrom geborenen Sohn verbringen zu wollen, das Polit-Geschäft nannte sie «oberflächlich» und einen «Blutsport».

Zugleich wolle sie «außerhalb des Gouverneursamts für die Zukunft ihrer Kinder» kämpfen - was nicht wenigen nach neuen politischen Ambitionen klang. Auf ihrer Facebook-Seite schrieb Palin am Wochenende, sie wolle nun sehen, «wie wir gemeinsam das Land voranbringen können». Dort erfährt sie auch viel Unterstützung ihrer Fans. «Unsere letzte große Hoffnung gegen sozialistische Politiker», schreibt ein Unterstützer. Eine Unterstützerin meint: «Ich bete für Sie und Ihre Familie und ich werde Sie in jeder Form untersützen, um konservative Werte in dieses Land zurückzubringen.»

«Sarah Palin strebt das Präsidentenamt an»
Sarah Palin war schon immer für eine Überraschung gut. Als der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain sie im August 2008 quasi über Nacht als Vize und Joker aus dem Ärmel zog, jubelte die Partei über die vermeintliche Wunderwaffe gegen Barack Obama. Nur ein paar Wochen später galt sie als schwer kontrollierbare «Diva», die Medien übergossen sie nach hochpeinlichen Pannen und Patzern mit Häme.

Aber auch nach der Wahlniederlage im November machte die stramm Konservative weiter von sich Reden, gab zahllose Interviews und hielt Reden. Für viele stand fest - diese Frau hat noch einiges vor. Nun fragt sich Amerika: Ist das Ende ihrer Gouverneurszeit nur der Beginn eines Rennens um das Weiße Haus 2012?

Für den renommierten Analysten des US-Senders MSNBC, Howard Fineman, ist die Botschaft unterdessen glasklar. «Ich berichte seit langem über Politik. Ich kann erkennen, wenn jemand das Präsidentenamt anstrebt. Sarah Palin strebt das Präsidentenamt an». Statt weit entfernt in ihrem Gouverneurs-Büro in Alaska zu sitzen, habe sie nun die Zeit, im Land herumzureisen, Geld als Rednerin einzusammeln, die Dinner-Veranstaltungen der Republikaner und Konservativen abzuklappern, meint Fineman. «Das Rennen der Republikaner für 2012 hat den Gang eingelegt.»

Schwache Republikaner
Jung, keck, gut aussehend und dazu noch gottesfürchtig, strikt gegen Abtreibung, und der Jagd wie auch Waffen zugetan - nach wie vor ist Palin ein politisches Pfund, mit dem sich bei religiös-konservativen Amerikanern wuchern lässt, auch all ihren öffentlichwirksamen Ausrutschern zum Trotz. Da war die Rechnung über 150.000 Dollar für Edel-Klamotten im Wahlkampf, die peinlichen Interviews, in denen sie klaffende Wissenslücken offenbarte wie etwa über die Amtspflichten des US-Vizepräsidenten oder was die «Bush-Doktrin» ist. Und nach der Wahlniederlage im November konnte John McCain im letzten Moment verhindern, dass Palin selbst eine Rede hielt, was einem Vize nach politischen Gepflogenheiten nicht zusteht.

Dass Palin sich möglicherweise Chancen bei der nächsten Präsidentschaftswahl ausrechnet, könnte auch mit dem katastrophalen Zustand der Republikaner zu tun haben. Von dem Nackenschlag im November haben sie sich bisher nicht erholt, das US-Magazin «Time» rechnete die Partei in einer Titelgeschichte schon den aussterbenden Arten zu. Erst vor wenigen Tagen verlor sie im Senat den entscheidenden Sitz an einen Demokraten.

Zuletzt erschütterte der Gouverneur von South Carolina, Mark Sanford, mit seinem öffentlichen Bekenntnis eines Seitensprungs die Republikaner. «Einige ihrer potenziellen Rivalen machen derzeit denselben Narren aus sich, wie sie es während des Wahlkampfs tat», meint Fineman. «Bei den Republikanern herrscht solch heilloses Durcheinander, dass in diesem Land voller Blinder selbst eine Einäugige Königin werden kann.»

Der nächste Patzer
Von einem klugen Schritt sprach der Politologe Jerry McBeath, der als Professor an der Universität von Alaska in Fairbanks lehrt. «Alaska ist eine abgeschiedene Bühne, wenn man eine Rolle in der amerikanischen Bundespolitik spielen will», sagte er. Er könne sich Palin auch als Fernseh- oder Radiomoderatorin vorstellen. «Sie hat viele Möglichkeiten, da bin ich sicher.»

Palins Schritt, sich nicht um die Wiederwahl als Gouverneurin zu bewerben, steht durchaus im Einklang mit dem Verhalten anderer Politiker, die Ambitionen auf das Präsidentenamt hatten oder es haben könnten. So kandidierte auch der frühere Gouverneur von Massachusetts, Mitt Romney, dafür nicht wieder, um 2008 antreten zu können. Auch der Gouverneur von Minnesota, Tim Pawlenty, bewirbt sich nicht wieder, womit er genug Zeit für die Wahl 2012 hat. Im Unterschied zu Palin, absolvierte Romney aber seine komplette Amtszeit und auch Pawlenty plant dies.

Dass es noch einiges an ihrer Allgemeinbildung zu feilen gibt, stellte Sarah Palin erst wieder bei ihrer Rücktrittsrede am Freitag unter Beweis. Als sie ihren Kampfesmut mit dem Zitat «Wir ziehen uns nicht zurück, wir marschieren nur in eine andere Richtung» zu unterstreichen suchte, schrieb sie es Douglas McArthur zu. Wie die «New York Times» ermittelte, sprach es allerdings ein anderer berühmter US-Weltkriegsgeneral aus, nämlich Oliver Prince Smith.

Sean Parnell wird Nachfolger
In welcher Form Palin vielleicht wieder in die Politik einsteigt, bleibt aber zunächst Spekulation. In Alaska sank ihre Popularität im Zuge der gescheitert Kampagne als Vizepräsidentschaftskandidatin, zudem sah sie sich zahlreicher Klagen wegen ihrer Personalpolitik ausgesetzt.

Palin legt ihr Amt am 26. Juli nieder, wie ihr Sprecher Dave Murrow sagte. Nachfolger wird ihr bisheriger Stellvertreter Sean Parnell. Die Politikerin hat fünf Kinder im Alter zwischen einem und 20 Jahren. (dpa/nz/AP)