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Erleuchtung durch Leid

30. Mrz 2001 18:50
In China werden Anhänger von Falun Gong seit Jahren verfolgt. Aufgegeben haben sie deswegen nicht. Opfer zu bringen gilt für sie als Weg, Erleuchtung zu finden.

Von Kai Biermann
 
Thema: Religion oder Sekte?
Am 30. Oktober 1999 verabschiedete der ständige Ausschuss des Nationalen Volkskongresses einen Beschluss über so genannte heterodoxe Lehren. Damit wurde die bereits seit Juli bestehende massive Verfolgung von Falun Gong nachträglich legalisiert.

Bereits im Dezember gab es den ersten Prozess: Vier führende Mitglieder der Gruppe wurden in Anwendung des neuen Gesetztes zu sieben bis 18 Jahren Haft verurteilt.

Zu mächtig geworden

Heterodoxe Lehren – das meint von der offiziellen Linie abweichende -, werden in China seit Jahren misstrauisch beäugt. Denn sie finden immer mehr Anhänger. Die Politik der Modernisierung und Öffnung hatte in den achtziger Jahren zu einem Boom religiöser Praktiken geführt. Millionen wandten sich nach der geistigen Dürre der Kulturrevolution neuen Richtungen zu.

Anfangs tolerierte man dieses «Religionsfieber», doch bald machte es der Regierung Angst.

Demonstration der Macht

Auslöser für die offene Gewalt gegen die neuen Religionen war möglicherweise Falun Gong: Im April 1999 begannen Anhänger zahlreiche Zeitungen und Fernsehsender wegen missliebiger Berichte zu besetzen. Am 25. April veranstaltete die Sekte dann eine für chinesische Verhältnisse unglaubliche Machtdemonstration – Zehntausend Anhänger machten ihre religiösen Übungen vor dem zentralen Gebäude der Partei im Pekinger Viertel Zhongnanhai, mitten im Herz der Regierung.

«Es ist keinesfalls unpolitisch, wenn eine Masse von Menschen auf öffentlichen Plätzen ihre Übungen ausführt und damit ihren Anspruch deutlich macht», sagt der schweizer Sekten-Experte Martin Scheidegger.

Am 22. Juli wurde Falun Gong nach eigenen Aussagen zur «illegalen Organisation» erklärt, eine Welle von Verhaftungen folgte. Eine totalitäre Weltanschauung fühlte sich offenbar von einer anderen, ebenso totalitären, bedroht.

Aufmerksamkeit dank der Verfolgung

Es ist unbestritten, dass Mitglieder von Falun Gong in der Haft misshandelt werden, dass sie zur «Umerziehung» in Arbeitslager und Gefängnisse gesperrt werden. Gleichzeitig scheint die Gruppe diese Verfolgungen bewusst zu nutzen, um weltweit Aufmerksamkeit zu erregen.

«Ohne die maßlose Verfolgung würde doch niemand Notiz von der Gruppe nehmen», sagt Lutz Lehmhöfer, katholischer Sektenbeauftragter des Bistums Limburg.

Mit dem Image der Unterdrückten wendet sich Falun Gong international massiv an die Medien, bittet um Berichterstattung. Sobald in einer Meldung jedoch Falun Gong im Zusammenhang mit dem Wort «Sekte» oder «Kult» auftaucht, werden die Redaktionen mit Protest-E-Mails, «Richtigstellungen» und Faxen überschwemmt.

Persönliche Opferbereitschaft

Li Hongzhi, der Guru von Falun Gong, betont immer wieder, unpolitisch zu sein. Doch leben seine Anhänger anscheinend nach dem Prinzip: Nur wer Widerstand leistet, ist ein wahrer Praktizierender. Sie sind dabei persönlich außergewöhnlich opferbereit. Obwohl bei jedem öffentlichen Auftritt in China Verhaftung droht, kommt es immer wieder zu schweigenden Demonstrationen und Protesten gegen den chinesischen Staat.

In seinen Schriften fodert Li Hongzhi diese Opferbereitschaft geradezu ein. Nur wer auch bereit sei, für Falun Gong zu kämpfen, sei es wert, den Glauben vermittelt zu bekommen, könne sich «kultivieren» und «ein tieferes Verständnis» erlangen.

«Ich hoffe, dass jeder Praktizierende bereit ist, großes Leid zu ertragen, und bei großen Schwierigkeiten Entschlossenheit und Durchhaltevermögen beweist. Ohne Einsatz kann man kein echtes Gong bekommen», schreibt Li Hongzhi in seinem Buch «Falun Gong - Der Weg zur Vollendung». Man solle denen gegenüber, die einen beleidigen, nicht nur nachsichtig sein: «(...) du musst ihm sogar dankbar sein. Hätte er dir keine Schwierigkeiten bereitet, wie hättest du dein Xingxing erhöht, (...) wie hätte dein Gong wachsen können?»

Ziviler Ungehorsam

Das Provozieren von staatlicher Gewalt ist ein für China neues Verhalten, denn ziviler Ungehorsam ist der Kultur fremd. Das liefert der chinesischen Regierung den Vorwand, die Anhänger von Falun Gong wie Schwerverbrecher zu behandeln. «Umerziehung» von Anhängern und massive Propaganda sollen jedem klar machen, dass es sich um eine kriminelle Gruppe handelt.

Im Kampf gegen die Regierung hat Falun Gong bisher gesiegt: Die Sekte ist seit zwei Jahren verboten - aber es gibt sie noch. Diesen Erfolg bezahlen die Anhänger mit großen Opfern: Zehntausende wurden verhaftet, tausende misshandelt, möglicherweise starben mehr als hundert.

Falun Gong ist eine Erlösungslehre. Das schreibt Hubert Seiwert als Erklärung in seinem Beitrag zum Buch «Religion – Staat – Gesellschaft». Li Hongzhi biete seinen Anhängern an, sie zur Vollkommenheit zu führen und zu erlösen. Aber um perfekt zu werden, sich zu «kultivieren» müssten sie auch Verfolgung aushalten. Barmherzigkeit und Nachsicht sind zentrale Punkte der Lehre. Wer leiden kann, sei auf dem Weg der Vollkommenheit, so Seiwert. Märtyrertum sei ein Zeichen der Erwähltheit.

Unbedingte Friedlichkeit

Die Organisation selbst würde dies niemals zugeben. Sie weigert sich, Gründe für ihre Verfolgung zu nennen. Auf Nachfrage und in ihren Schriften wird nur die Tatsache der Verfolgung ausführlich beschrieben, es werden Schicksale erzählt und die Friedlichkeit und Freiwilligkeit des Glaubens betont.

Falun Gong bestreitet vehement, dass es ihre «Praktizierenden» waren, die sich im Januar 2001 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking verbrannten. Die Vebrennung sei von der chinesischen Regierung inszeniert worden, sagt Man-Yan Ng, Leiter des «Deutschen Falun Dafa Vereins».

So viel Märtyrertum passt nicht ins friedliche und gewaltlose Bild, das die Gruppe von sich zeichnen möchte.

 
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