Autonome Siedlung darf geräumt werden: 

netzeitung.de«Christiania» unterliegt gegen dänischen Staat

 Herausgeber: netzeitung.de

Bewohner und Gäste feierten 2006 im "Freistaat Christiania" in Kopenhagen dessen 35-jähriges Bestehen. (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Bewohner und Gäste feierten 2006 im "Freistaat Christiania" in Kopenhagen dessen 35-jähriges Bestehen.
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

1971 stürmten Hippies ein verlassenes Kasernengelände in Kopenhagen - der Beginn der autonomen Siedlung Christiania. Jetzt steht die alternative Kommune vor dem Aus.

Nach mehr als 37 Jahren soll die autonome Siedlung «Freistaat Christiania» in Kopenhagen endgültig aufgelöst werden. Ein Gericht sprach dem dänischen Staat das volle Nutzungsrecht über das Gelände der alternativen Wohnsiedlung zu. Damit ist die Regierung von Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen ihrem erklärten Ziel zur Umwandlung der international berühmt gewordenen «Hippie-Republik» in einen normalen Stadtteil ein großes Stück näher gekommen.

Tausende junge Dänen hatten den 34 Hektar großen und verlassenen Marinestützpunkt im Stadtteil Christianshavn 1971 gestürmt, besetzt und seitdem erfolgreich gegen alle Versuche zur Räumung verteidigt. Heute wohnen dort rund 900 Leute. Man habe mit dieser Entscheidung gerechnet, erklärte Christiania-Sprecher Thomas Ertman anschließend. Er stellte ein Berufungsverfahren vor dem Obersten Gerichtshof Dänemarks in Aussicht.

Peter Christensen, Führungsmitglied der rechtsliberalen Regierungspartei Venstre, begrüßte das Urteil indessen: «Niemand in Dänemark steht über dem Gesetz, auch nicht die Bewohner von Christiania.» Die «Christianitter» pochen indes auf ein unkündbares Nutzungsrecht, weil sie das Gelände unter Duldung der Behörden seit 1971 unterhalten und selbstständig verwaltet hätten.

Bewohner mehrheitlich für Kompromiss-Lösung
Tatsächlich hatten verschiedene Regierungen und die Kopenhagener Stadtverwaltung in mehreren Schritten Abmachungen mit dem «Freistaat» über grundlegende praktische Fragen wie Stromrechnungen oder den Schulbesuch von Kindern getroffen. Sie erkannten den Bewohnern dabei auch ein Nutzungsrecht für ihr «soziales Experiment» zu. Die in ihrer jetzigen Konstellation seit 2001 amtierende Regierung kündigte diesen Burgfrieden aber wieder auf.

Sie setzt auf die Umwandlung des «Freistaates» in einen ganz normalen Stadtteil, wo der Markt über die Frage entscheiden soll, wer dort wohnen kann. Bisher war dafür die Christiania-Vollversammlung zuständig. Zuletzt kam es vor zwei Jahren zu schweren Krawallen, als die Polizei den in Christiania konzentrierten Haschisch-Handel zerschlug und die Händler vertrieb.

Eine Mehrheit der Christiania-Bewohner ist für Kompromisse mit Ministerien und Behörden, um Christiania als «soziales Experiment» weiterentwickeln zu können. Unter Kopenhagen- Touristen ist Christiania zusammen mit der Kleinen Meerjungfrau und dem Vergnügungspark Tivoli das beliebteste Ausflugsziel. (dpa/AP)