01.03.2001
Herausgeber: netzeitung.de
In den vergangenen Jahren sind besonders viele Forscher als Fälscher aufgeflogen. Der Freiburger Fall von Roland Mertelsmann hat das Register mit dem augenblicklich spektakulärsten Medizin-Fälschungsskandal in Deutschland erweitert.
BONN. Am heutigen Donnerstag erlebt Roland Mertelsmann die dunkelste Stunde einer jahrzehntelang glanzvollen Hochschulkarriere als Krebsspezialist. Eine Untersuchungskommission der Universität Freiburg, an der Mertelsmann lehrt, tritt mit ihrer rechtlichen und wissenschaftsethischen Bewertung gravierender Fälschungsvorwürfe an die Öffentlichkeit.
Die konkreten Sachverhalte, um die es dabei geht, sind schon seit letzten Sommer bekannt: 58 zusammen mit seinem Schüler Friedhelm Herrmann verfasste Beiträge enthalten anscheinend gefälschte Daten, in 15 Fällen ist Mertelsmann selber Hauptautor. Das fand eine Task Force der Sponsoren Deutsche Forschungsgemeinschaft und Deutsche Krebshilfe heraus.
Uni-Rektor schlägt Disziplinarverfahren vorDer Rektor der Universität Freiburg, Wolfgang Jäger, hat dem baden-württembergischen Wissenschaftsministerium nach einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur vorgeschlagen, ein Disziplinarverfahren gegen den Krebsforscher Mertelsmann einzuleiten. Damit reagierte Jäger auf einen am Donnerstag in Freiburg vorgelegten Untersuchungsbericht zum bislang größten Medizin-Fälschungsskandal in Deutschland. Als weitere Konsequenz wurde Mertelsmann gebeten, ab sofort keine Funktionen bei der Patienten orientierten klinischen Forschung wahrzunehmen.
Schuld hat nur der JuniorpartnerSelbst wenn Herrmann, dem noch viel mehr Fälschungen angelastet werden, der Hauptübeltäter gewesen wäre, kann Mertelsmann seine Hände nicht in Unschuld waschen: «Es widerspricht jeder Lebenswirklichkeit», heißt es im Abschlussbericht der Task Force, «dass jemand, dessen berufliche Tätigkeit über einen lange Zeitraum eng mit einer anderen Person verknüpft ist, nicht registriert, ob die Arbeitsweise des anderen regelrecht ist oder nicht.»
Mertelsmann schiebt freilich alles Übel auf seinen Schüler und Juniorpartner Herrmann: «In den USA sagten mir viele Kollegen: 'Mensch, da hast du aber Pech gehabt.'» Und die deutschen Kollegen? «Ich habe von einigen gehört: 'Das hätte mir auch passieren können'».
Forscherinstitute als FälscherwerkstattGerade in den vergangenen Jahren sind Forschungsinstitute immer wieder als Fälscherwerkstätten aufgeflogen. Karrieresucht und der harte Wettbewerb treiben die Wissenschaftler schnell über die Grenzen des Erlaubten. So erschlich sich ein Orthopäde der Universität Düsseldorf vor der medizinischen Fakultät den Hochschullehrerstatus mit dem wohlklingenden Titel «Privatdozent», indem er in seiner Prüfungsschrift Tierversuche vortäuschte und unzutreffende Abbildungen veröffentlichte.
Vor zwei Jahren erkannte die Uni dem falschen Dozenten alle Ehren ab. Oft genug bleiben Computerabbildungen von Messergebnissen (Blots) reine Vertrauenssache, da selten ein Mitforscher Zeit und Lust hat, die Datenmengen kritisch nachzuprüfen.
Gegenwärtig will die Uni Bonn einem ihrer ehemaligen Hoffnungsträger, dem Chemiker Guido Zadel, den Doktortitel nehmen. Offenbar war die angeblich «nobelpreisreife» Entdeckung auf dem Gebiet der Moleküle eine reine Manipulation des gelernten Chemielaboranten.
Ein weiterer Fall: Peter Seeburg, heute Direktor der Max-Planck-Gesellschaft, gibt an, in einem Aufsatz vor gut zwanzig Jahren bewusst gelogen zu haben, um nicht eines Diebstahls von Forschungsmaterial bezichtigt zu werden.
Auch Geisteswissenschaftler nehmen es mit der Wahrheit und dem geistigen Eigentum nicht immer genau. Ausgerechnet ein Professor der Moralphilosophie an der Universität Erlangen-Nürnberg, Maximilian Forschner, wurde im vergangenen Jahr als Pirat auf den Textmeeren entlarvt. Die fränkische Hochschule hat mit geistigem Diebstahl schon jahrzehntelange Erfahrungen.
Bibliothekar deckte Schwindel aufSo verzichtete Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen, der Urenkel des letzten deutschen Kaisers, 1972 auf den Doktortitel, bevor er ihm endgültig entzogen wurde. Seine Dissertation über die Reichsgründung im Spiegel neutraler Pressestimmen war weitgehend aus drei älteren Untersuchungen abgekupfert, die der Prinz in seinen Literaturnachweisen unterschlagen hatte. Aufgefallen war der Schwindel dem Marburger Universitätsbibliothekar Martin Winckler.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Hochschulrektorenkonferenz haben inzwischen Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis erarbeitet. Verstöße können weitgehend nur mit Verachtung im Kollegenkreis bestraft werden: Denn «Betrug» im juristischen Sinne setzt eine materielle, in Mark und Pfennig angebbare Schädigung voraus. Die aber lässt sich bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen nur ganz ausnahmsweise nachweisen. Außerdem: Häufig genug mag sich ein angeblicher «Fälscher» auf einen «wissenschaftlichen Irrtum» herausreden.