Frankreichs Reaktion auf «Gewalt gegen Beschäftigte»:
Beifall für Geiselnahme von «Überprivilegierten»
08.04.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Die Gewerkschaften, die bisher «die Revolte kanalisiert» hatten, bilden immer weniger ein Ventil. Dazu trägt unfreiwillig auch die Politik bei. Nach landesweiten Protesten im März machte Sarkozy klar, dass er keine Zugeständnisse mehr machen werde. Die Gewerkschaften, die Millionen Menschen auf die Straße gebracht hatten, liefen buchstäblich ins Leere.
Beflügelt wird die Kampfbereitschaft der Basis in den Betrieben von Berichten über Aktienoptionen in Millionenhöhe und «Goldene Handschläge» für Topmanager. Das Gefühl macht sich breit, skrupellose Bosse stopften sich die Taschen voll und der Staat rette ihnen mit Milliarden die Haut, die «kleinen Leute» würden aber im Stich gelassen.
Das schürt die Wut. «Sie wollen uns wie die Schafe zur Schlachtbank führen, doch sie bekommen es mit Löwen zu tun», sagten Mitarbeiter des gefährdeten Continental-Reifenwerks Clairoix nach einem Krisengespräch im Präsidentenpalast. «Wir wollen nicht für ihre Krise zahlen.»
Royal erklärte sogar: «Was man die Revolte nennt, ist eine Reaktion auf die Gewalt, die gegen die Beschäftigten und das Land ausgeübt wird.» So hätten die Caterpillar-Werker «ihr soziales Todesurteil aus der Presse erfahren». Die Sozialistin prangerte eine «Kriminalität von Überprivilegierten» an, die die Ressourcen der Unternehmen plünderten, die Stellen abbauten.
«Das Volk scheidet sich von seinen Eliten», erklärt der Chef des Instituts Mediascope, Denis Muzet. «Der Graben vertieft sich zwischen der realen Welt der Krisenopfer und der virtuellen Welt der Führer - Politiker, Bankiers, Chefs, die in Milliarden rechnen.» Es entstehe die Gefahr, dass die «Politiker und ihre Aufschwungpläne mit den Verantwortlichen der Krise in einen Sack gesteckt» würden.
Im Präsidentenpalast sieht man das ähnlich. Die Wirtschaftskrise schaffe «eine gefährliche Lage, die allen Extremen einen fruchtbaren Boden» biete, sagt Sarkozys Sonderberater Henri Guaino. In den 30er Jahren habe die Krise Antisemitismus und Totalitarismus genährt. «Diese Krise verläuft nach allen Kapiteln eines Wirtschaftslehrbuchs. Wir müssen aufpassen, dass sie nicht auch nach allen Handbüchern der Geschichte abläuft.» (Hans-Hermann Nikolei, dpa)

