«Tag der Befreiung von der Leibeigenschaft»: 

netzeitung.deChina feiert sich als Tibets «Befreier»

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Peking begeht den 50. Jahrestag der 'Befreiung' Tibets mit großen Feierlichkeiten in der dortigen Hauptstadt Lhasa (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Peking begeht den 50. Jahrestag der 'Befreiung' Tibets mit großen Feierlichkeiten in der dortigen Hauptstadt Lhasa
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Als «Befreiung» Tibets hat China die Beendigung des Volksaufstandes in der Hochlandregion vor genau 50 Jahren gefeiert. Der neue Feiertag, der mit Pomp in Lhasa begangen wurde, ist für die Exiltibeter indes eine «Provokation».

Unter massiven Sicherheitsvorkehrungen hat China am Samstag fünf Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft über Tibet gefeiert. Der 50. Jahrestag der Auflösung der tibetischen Regierung am 28. März 1959 nach dem niedergeschlagenen Volksaufstand wurde erstmals als «Tag der Befreiung von der Leibeigenschaft» in dem Hochland begangen.

Der Feiertag wurde von Fernsehdokumentationen und Ausstellungen über die wirtschaftlichen und sozialen Fortschritte der kommunistischen Herrschaft begleitet. Eine Feier mit mehr als 13.000 Menschen vor dem historischen Sitz der tibetischen Regierung, dem Potala-Palast in Lhasa, wurde landesweit im Fernsehen übertragen.

Was die chinesische Propaganda als «Befreiung» Tibets beschreibt, empfinden viele Tibeter indes als den Beginn von fünf Jahrzehnten Unterdrückung. Die exiltibetische Regierung im nordindischen Dharamsala kritisierte die Feiern als «provokativ»: Die Tibeter in der Welt und besonders in dem Hochland begingen einen «Tag der Trauer». In Dharamsala gingen mehrere hundert Tibeter auf die Straße. Die Demonstranten schwenkten tibetische Fahnen und riefen «Stoppt 50 Jahre Folter».

Tibeter fühlen sich keineswegs «befreit»
Die Interpretation der Geschichte könnte kaum gegensätzlicher sein. Die kommunistische Führung prangert heute unermüdlich die Leibeigenschaft und das theokratische System im alten Tibet an. Diese «mittelalterlichen Zustände» hätten mit der Auflösung der tibetischen Regierung in Lhasa vor 50 Jahren endlich ein Ende gehabt, wird die chinesische Fremdherrschaft in dem Hochland gerechtfertigt.

«Demokratische Reformen» hätten den früheren Leibeigenen erst Land, Vieh sowie Produktionsmittel und den Tibetern schließlich den Fortschritt gebracht. «Doch der Dalai Lama will das alte Tibet wiederherstellen», wird dem religiösen Führer der Tibeter zum ersten «Tag der Befreiung von der Leibeigenschaft» vorgeworfen. Die exiltibetische Regierung wiederum beklagt, seit dem Einmarsch der Volksbefreiungsarmee 1950 seien mehr als 1,2 Millionen Tibeter als Folge der kommunistischen Herrschaft ums Leben gekommen.

Von «Befreiung» lasse sich nicht reden, im Gegenteil. «Das tibetische Volk kann doch am ehesten beurteilen, ob es sich 'befreit' fühlt», argumentiert die exiltibetische Regierung. «Sie stimmen mit ihren Füßen und ihrem Leben ab, wenn sie den Himalaja überqueren, um Freiheit und Glück außerhalb des 'befreiten' Tibet zu suchen», hieß es in einer Erklärung zum Jahrestag. Wenn die Tibeter wirklich zufrieden über die «Befreiung» wären, würden sie nicht ihr Leben riskieren, um gegen die chinesische Herrschaft zu protestieren.
Frage der Geschichtsdeutung
Der neue Feiertag steht auch in Zusammenhang mit den schweren Unruhen im März vergangenen Jahres. Seither bringt Chinas Führung die alte Geschichte wieder voll ins Spiel. Dabei bestreitet niemand, dass das alte Tibet rückständig und die tibetische Gesellschaft hierarchisch und höchst ungleich war. Über die Situation der Leibeigenen gibt es aber schon unterschiedliche Darstellungen. Westliche Historiker sprechen auch von schlichten Abgabenverhältnissen der Bauern zu Großgrundbesitzern mit Schulden und Steuern. Möglicherweise sei die Lage der Bauern in Tibet zu jener Zeit nicht viel anders als in China gewesen.

Dagegen sprach Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao in Peking von einer «guten Situation» im heutigen Tibet, die mühsam errungen worden sei und geschätzt werden sollte. Der Parteichef von Tibet, Zhang Qingli, pries das Ende der Leibeigenschaft als Meilenstein in der Abschaffung der Sklaverei in der Welt und «ein Zeichen für Fortschritte bei den Menschenrechten».

Tibet gehöre zu China und nicht «einigen Separatisten oder chinafeindlichen Kräften», zitierte ihn die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. «Jede Verschwörung, die versucht, die Region von China abzutrennen, ist zum Scheitern verurteilt», sagte der Parteichef in einer Rede. Er kritisierte den Dalai Lama, der das Land spalten wolle. Der Kampf gegen die Anhänger des geistlichen Führers der tibetischen Buddhisten «wird lang, kompliziert und heftig sein», sagte Zhang.

«Propaganda-Trick»
«Der Dalai Lama erkennt bereitwillig an, dass Tibet vor 1959 ohne Zweifel eine äußerst arme Gesellschaft war und dass es große Ungerechtigkeiten gab», sagte Kate Saunders von der Internationalen Tibetkampagne (ICT). Dass der Dalai Lama aber ein Reformer sei, der eine gerechtere und bessere tibetische Gesellschaft wolle, beweise schon die Tatsache, dass die heutige exiltibetische Regierung demokratisch legitimiert sei - ganz im Gegensatz zur kommunistischen Führung in Peking, die sich keinen Wahlen stelle. «Es gibt keinen Zweifel, dass Tibet ohne chinesische Herrschaft seinen eigenen Weg der Modernisierung gegangen wäre», meinte Saunders.

Internationale Tibet-Aktionsgruppen beschrieben den offiziellen Feiertag als «Propaganda-Trick». Er solle von den «katastrophalen Auswirkungen» der chinesischen Herrschaft in Tibet ablenken und die verschärfte Unterdrückung vertuschen. Durch die massiven Sicherheitsvorkehrungen aus Angst vor einem Wiederaufflammen der Unruhen um die heiklen Jahrestage in diesem Monat herrsche «de-facto Kriegsrecht» in Tibet. (dpa/AP)