Wirtschaftskrise und skrupellose Manager: 

netzeitung.deChinas Wanderarbeiter und ihre Wut auf Peking

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Rund 20 Millionen Wanderarbeiter haben durch die Wirtschaftskrise bereits ihren Job verloren. (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Rund 20 Millionen Wanderarbeiter haben durch die Wirtschaftskrise bereits ihren Job verloren.
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Millionen von Wanderarbeitern finden keine Arbeit mehr. Sie sind wütend und drohen damit, auf die Straße zu gehen. Sie hätten noch viel weniger zu verlieren, als die Studenten, die 1989 auf dem Tiananmen-Platz protestierten.

Kopfschüttelnd kehrt Bauernsohn Guo Haijun vom Eingangstor des Jingxieban-Elektrobetriebs in Chinas südlicher Fabrikstadt Dongguan am Rand des Perlfluss-Deltas zurück. «Die suchen Facharbeiter zu Hungerlöhnen», lacht der 30-Jährige bitter. «Und der Angestellte sagte, ich solle doch froh sein, wenn ich überhaupt eine Arbeit finde.» Guo verlor im Zug der Wirtschaftskrise im Januar seinen Job als Vorarbeiter in der «Xinli»-Werkstofffabrik. Nun sucht er wie Millionen von Wanderarbeitern einen neuen Broterwerb.

Peking befürchtet soziale Unruhen. Rund 150 Millionen Landbewohner ziehen jedes Jahr auf der Suche nach Arbeit in die Städte. Im Zuge einbrechender Exportmärkte gingen schon mindestens 670.00 kleine und mittelständische Unternehmen pleite. Laut der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften liegt die Erwerbslosenrate der an die 400 Millionen Stadtbewohner in China bei fast zehn Prozent.

Hinzu kommen rund mehr als 20 Millionen Wanderarbeiter, die ihre Jobs verloren. Sie haben in den Städten den Status von Gastarbeitern mit kaum sozialer Absicherung. Mit einem Teil ihres Gehalts versorgen sie oft die Verwandten auf dem Land. Deshalb leben sie meist am Existenzminimum. Die wirtschaftlichen Umwälzungen treffen sie deshalb besonders hart.

Krise treibt Ungerechtigkeiten auf die Spitze
Die Krise sei nur der Anlass, aber nicht die Ursache für die Misere, meint Guo. Die Schuld gibt er skrupellosen Managern: «Die Krise hat die Ungerechtigkeiten des Produktionsmodells auf die Spitze getrieben.» In seinem Betrieb mit rund 700 Arbeitern gingen seit Mai die Aufträge für Computer- und Handygehäuse zurück. Der Chef stellte dann von sechs auf vier Tage Schichtdienst pro Woche um. Andere Kollegen wurden auf unbestimmte Zeit «beurlaubt», ohne Lohn.

Um Abfindungen zu sparen, setzt das Management oft Arbeiter unter Druck, selbst zu kündigen. Der Betriebsratvorsitzende war gleichzeitig der Vize-Manager. Vorarbeiter Guo machte schließlich den Mund auf. Der Chef entließ ihn fristlos - und ohne Abfindung. Bekannte in anderen Fabriken haben ihm von ähnlichen Methoden erzählt. Viele sind stocksauer, meint Guo. Eine Arbeit ließe sich mit etwas Fachkenntnissen und Erfahrung schon noch finden. «Aber die Firmen nutzen die Krise nun als Vorwand, um die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern», sagt Guo. «Und die Behörden unterstützten sie dabei.»

Dem will die kommunistische Zentralregierung einen Riegel vorschieben. Auf dem Volkskongress, der bis Samstag in Peking tagt, bekräftigten Chinas Offizielle die Bedeutung des Anfang 2008 in Kraft getretenen Arbeitsvertragsgesetzes. «Das Gesetz hat nichts mit der Krise zu tun und wird auch nicht wegen ihr geändert», sagte Xin Chunying, Vize-Direktor der Rechtskommission des Volkskongresses, des chinesischen Parlaments.

Kostenlose Fortbildung für Wanderarbeiter
Das Gesetz regelt unter anderem die Bezahlung von Überstunden, Urlaub und das Recht auf einen schriftlichen Vertrag. Der Allchinesische Gewerkschaftsverband sprach sich gegen die Aufhebung des Mindestlohns aus und forderte die Firmen auf, nicht zulasten der Beschäftigten zu sparen.

Peking hat auch eine «Großoffensive» gegen die Erwerbslosigkeit unter Wanderarbeitern gestartet. So will die Führung Arbeiter durch kostenlose Fortbildungen am Heimatort aufs Land zurücklocken. Dort sollen ihnen die Regierungen dann «attraktive Arbeitsbedingungen» bei geplanten ländlichen Infrastrukturprojekten im Zuge des auf umgerechnet 460 Milliarden Euro angelegten Konjunkturprorgamms anbieten. Zudem wurde an staatliche Betriebe appelliert, Entlassungen zu vermeiden.

Guo hat noch Glück. Seine Frau hat Arbeit in der Personalabteilung einer Schmuckfirma. Aber weil sein Gehalt wegfiel, musste das Ehepaar in ein 15 Quadratmeter großes Zimmer mit Koch- und Waschnische umziehen. Aber er habe schon viel schlechter gewohnt, meint Guo. Er ist vor zehn Jahren zum ersten Mal aus der rund eine Tagesreise entfernten Provinz Shanxi nach Dongguan gekommen. Traurig macht ihn nur, dass er im Moment kein Geld an seine Eltern und seinen dort lebenden anderthalbjährigen Sohn schicken kann.

Arrogante und korrupte Eliten
Wanderarbeiter Guo steht mit seiner Wut nicht allein da. Im Internet schimpft ein «Wanderarbeiter namens Chen Miao» über arrogante und korrupte Eliten in Wirtschaft und Politik. Er endet mit einer Warnung an die chinesische Führung zum bevorstehenden 20. Jahrestag der blutigen Niederschlagung der Tiananmen-Protestbewegung am 4. Juni 1989. «Wenn Ihr uns weiter nicht wie Menschen behandelt und mit Eurer Korruption weitermacht, dann gehen wir vielleicht am 4. Juni auf die Straße», schreibt Chen. «Und wir haben noch viel weniger zu verlieren als die Studenten damals.» (Von Kristin Kupfer, epd)