30.01.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Vatikan bekommt Leugner nicht in den Griff
Nach Holocaust-Leugner Williamson hat ein weiterer katholischer Geistlicher den Judenmord in Frage gestellt. Der Vatikan distanzierte sich eilig. Derweil bat Williamson den Papst um Verzeihung - nahm aber nichts zurück.
Nach einem weiteren Fall der Leugnung des Holocaust durch einen traditionalistischen Priester wächst der Druck auf den Vatikan. Die Präsidentin des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, sagte am Freitag in München, vom Vatikan erwarte sie in dieser Auseinandersetzung ein klares Signal. Der Vatikan reagierte unterdessen mit scharfer Kritik auf den neuen Fall: Dies sei mit dem Christentum nicht vereinbar, sagte Vatikansprecher Federico Lombardi am Freitag, nachdem ein italienischer Priester der traditionalistischen Pius-Bruderschaft öffentlich erklärt hatte, die Gaskammern der Nationalsozialisten hätten zur Desinfizierung gedient.
«Das ist das einzig Sichere, ich könnte nicht sagen, ob sie auch zu Toten geführt haben», sagte der Priester Floriano Abrahamowicz der Tageszeitung «Corriere della Sera» zufolge. Die Zahl von sechs Millionen getöteten Juden sei «symbolisch», ergänzte der Priester, der nach eigenen Angaben jüdische Vorfahren hat. Der Begriff Völkermord sei «immer eine Übertreibung», bei der «im Eifer des Gefechts irgendeine Zahl» genannt werde. Auch die Pius-Bruderschaft distanzierte sich von den Äußerungen des Priesters.
Erinnerung nicht meiden und leugnen«Wer die Schoah leugnet, weiß nichts von Gottes Mysterium», sagte Vatikansprecher Lombardi dem Sender Radio Vatikan. Es sei umso gravierender, wenn ein Priester oder ein Bischof den Holocaust leugne, unabhängig davon ob er Mitglied der katholischen Kirche sei oder nicht. Christen dürften die Erinnerung an die Judenvernichtung «weder meiden noch leugnen».
Derweil hat der umstrittene erzkonservative Bischof und Holocaust-Leugner Richard Williamson Papst Benedikt XVI. um Entschuldigung gebeten. Seine Äußerung sei «unbedacht» gewesen und er entschuldige sich für «die Probleme», die er damit verursacht habe, erklärte Williamson in einem Schreiben, das am Freitag von dem religiösen argentinischen Internetportal Panorama Católico Internacional verbreitet wurde. Allerdings nahm Williamson die Leugnung des Holocausts nicht zurück.
«Angesichts des schrecklichen Sturms, der durch meine unvorsichtigen Kommentare im schwedischen Fernsehen heraufbeschworen wurde, bitte ich Sie mit allem Respekt, den Ausdruck meines tief empfundenen Schmerzes wegen der von mir ausgelösten unnötigen Verunsicherungen und Probleme zu akzeptieren», heißt es in dem Brief Williamsons an Kardinal Castrillón Hoyos. Für ihn habe nur die Wahrheit Bedeutung, schrieb er weiter. Der aus Großbritannien stammende Williamson leitet seit 2003 ein Priesterseminar der erzkonservativen Bruderschaft Pius X. in der Nähe der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires.
Williamson hatte jüngst im schwedischen Fernsehen behauptet, es gebe Beweismaterial, das gegen die Ermordung von sechs Millionen Juden während des Zweiten Weltkriegs in NS-Konzentrationslagern spreche. Es seien vielleicht 200.000 bis 300.000 Juden umgekommen, aber kein einziger von ihnen sei vergast worden. Der Papst hatte am vergangenen Wochenende dennoch nach mehr als 20 Jahren die Exkommunizierung von Williamson und drei weiteren Bischöfen der ultrakonservativen Pius-Bruderschaft aufgehoben. Diese Entscheidung hatte zu Empörung in der jüdischen Welt geführt, woraufhin der Papst am Mittwoch die «volle Solidarität» der katholischen Kirche mit dem Judentum beteuert hatte.
«Die konservative Linie»Nach Ansicht des katholischen Theologen Hans Küng reichen die bisherigen Reaktionen des Papstes auf die Kritik an der Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der ultrakonservativen Pius-Bruderschaft nicht aus. Der lutherische Bischof Friedrich Weber stellte klar, christlicher Glaube und Judenfeindschaft schlössen einander aus.
Der Papst versuche, «die konservative Linie durchzusetzen», sagte Küng der RBB-Hörfunkwelle «radioeins». Der katholische Theologieprofessor kritisierte dabei auch die grundsätzliche Linie des Papstes. Benedikt XVI. habe keine kritischen Leute um sich: «Insofern kann er offenkundig nicht kalkulieren, was das bewirkt, wenn er einen Holocaust-Leugner aufnimmt und drei andere dazu, die nicht viel besser sind.»
«Ungeheuerliche Lüge»Zentralratspräsidentin Knobloch reagierte positiv auf die Solidaritätsbekundung der katholischen Deutschen Bischofskonferenz mit der jüdischen Gemeinschaft und deren Kritik am Vorgehen des Vatikans. Die zögerliche Reaktion des Vatikan auf die Williamson-Äußerungen bestärke weitere Holocaust-Leugner in den Reihen der Piusbruderschaft darin, diese «ungeheuerliche Lüge» zu verbreiten, warnte sie. Als Überlebende des Holocaust und als Vertreterin der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland erwarte sie die notwendigen Konsequenzen, sagte Knobloch. Den Worten des Papstes sollten auch Taten folgen. Das sei unerlässlich für die Fortführung des christlich-jüdischen Dialogs.
Als «Ärgernis und schwere Belastung unserer Arbeit» bezeichnen Professoren der Katholisch-theologischen Fakultät in Tübingen die Aufhebung der Exkommunikation. Wer sich um eine Kirche und eine Theologie bemühe, die im offenen Dialog mit der Welt und den Religionen, insbesondere dem Judentum, stehe, fühle sich vor den Kopf gestoßen, heißt es in einer am Freitag verbreiteten Erklärung. (nz/epd/dpa/AP)