Osteuropäer müssen frieren: 

netzeitung.de«Kalter Krieg» ums Gas

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Der russisch-ukrainische Gasstreit lässt in Osteuropa vielen Menschen bibbern. (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Der russisch-ukrainische Gasstreit lässt in Osteuropa vielen Menschen bibbern.
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Während Deutschland seine Vorräte anzapfen kann, trifft der Gasstreit die Osteuropäer mit aller Härte: In Rumanien werden Patienten entlassen, in Bulgarien Schulen geschlossen und in der Slowakei ruht die Autoproduktion.

«Kalter Krieg» prangt in riesigen Lettern auf der Titelseite der Zeitung «24 Tschassa», die an den Kiosken der bulgarischen Hauptstadt Sofia ausliegt. «Bei mir zu Hause sind es kaum 14 Grad», klagt eine 53-jährige Hausfrau. Rentner sitzen mit Jacken in ihren kalten Zimmern. 2,5 Millionen Bulgaren sind auf Zentralheizung angewiesen, die mit Gas betrieben werden. Seit in dem zu 95 Prozent von russischem Gas abhängigen Land kein Gas mehr durch die Pipelines fließt, herrscht Notstand. Zehntausende müssen seit Dienstag frieren. Während Deutschland geschätzte Gasvorräte für 70 Tage hat und auf andere Lieferanten wie Norwegen zurückgreifen kann, bibbern viele Menschen in Ost- und Südosteuropa. Und die Wut wächst.

Nachdem Russland am Donnerstagabend die Muskeln spielen lässt und überraschend einen EU-Kompromiss ablehnt, der die Entsendung von Beobachtern zur Überwachung des Gasflusses vorsieht, herrscht Panik. Der Slowakei drohe binnen zehn Tagen ein «völliger Blackout» wenn die russischen Gaslieferungen nicht rasch wieder aufgenommen werden, sagt der slowakische Regierungschef Robert Fico am Abend. Vorerst versucht man sich mit «Bruderhilfe» aus der Kälte-Krise zu helfen. So will Ungarn Serbien mit Gas aushelfen. Und Bulgarien plant, sein Gasnetz an das Gassystem des Nachbarn Griechenland anzubinden, um die sklavische Abhängigkeit von russischem Gas zu mindern.
Dutzende Schulen sind geschlossen
«Es ist nicht angebracht, dass Bulgarien zur Geisel in einem solchen Gaskonflikt wird», wettert Bulgariens Regierungschef Sergej Stanischew. Statt zwölf Millionen Kubikmetern Gas können aus den eigenen Reserven nur noch sieben Millionen zur Verfügung gestellt werden. Alle großen Industriebetriebe bekommen kein Gas mehr. Dutzende Schulen und Kindergarten sind vorerst geschlossen.

In seiner Not drängt Bulgarien die Europäische Union auf eine Wiederinbetriebnahme eines umstrittenen stillgelegten Reaktors im Atomkraftwerk Kosloduj an der Donau. In Sofia stürmen die Menschen die Geschäfte, um elektrische Heizungen zu kaufen. Den Menschen ist es völlig egal, wer den Schwarzen Peter im russisch-ukrainischen «Gas- Krieg» hat - vor Einrichtungen beider Länder wird demonstriert. Plötzlich wird auch das Heizen mit Kohlen wieder modern.

Automobilwerke produzieren nicht mehr
Nicht anders sieht das Bild in der Slowakei aus: Die tausend größten industriellen Abnehmer dürfen überhaupt kein Gas mehr verbrauchen, um die Versorgung der Haushalte, Krankenhäuser und Schulen nicht zu gefährden. Die Automobilwerke von PSA Peugeot- Citroen in Trnava und Kia Slovakia in Zilina haben ihre Produktion für diese Woche eingestellt. Die Regierung ist ratlos angesichts der beispiellosen Krise. Wirtschaftsminister Lubomir Jahnatek antwortet auf die Journalistenfrage, welche anderen Quellen die Slowakei für ihren Gasbedarf nutzen könnte: «Andere Quellen? Wir haben keine!»

Der Generaldirektor einer der größten Druckereien der Slowakei in Komarno an der Donau sendet am Donnerstag einen Notruf aus: «Wenn wir bis morgen (Freitag) kein Gas bekommen, dann werden mehrere Zeitungen in den nächsten Tagen nicht mehr erscheinen können.» Freude herrscht dagegen bei Schülern, die unverhofft längere Weihnachtsferien haben. «Super», kommentiert eine Grundschülerin im Norden des Landes die Schließung ihrer Schule wegen akuten Gasmangels.

Verbittert in Serbien
Verbittert ist man in Serbien. Erst zu Jahresbeginn war die nationale Erdölindustrie zu einem Billigpreis an Russland verkauft worden. Im Gegenzug hatte Moskau eine sichere Gasversorgung versprochen. Und zu allem Ärger steigen auch noch die Preise für elektrische Heizgeräte in Belgrad um bis zu 50 Prozent. Ein Hörer namens Dragan macht im Sender B92 seinem Unmut über die «Heiz- Spekulanten» Luft: «Das sind doch Kriegsprofiteure!»

Allein in der drittgrößten Stadt Novi Sad sitzen 80 000 Menschen vor kalten Heizkörpern. Einige Menschen versuchen bei Verwandten unterzukommen, die mit Holz oder Kohle heizen. In Pancevo, dem Sitz der serbischen Erdölindustrie, hat sich die Lage dramatisch zugespitzt. «Drama im Altersheim», beschreibt die Zeitung «Blic» die Lage von rund 200 Senioren, von denen 60 völlig hilflos seien. Es gebe weder Heizung noch warmes Wasser. Die Küche und die Wäscherei hätten ihre Arbeit eingestellt, weil sie auf Gas angewiesen sind.
Fast alle Patienten entlassen
In den Städten Kikinda an der Grenze zu Rumänien und Gornji Milanovac, das 120 Kilometer südlich von Belgrad liegt, herrscht in den Krankenhäusern der Notstand: Fast alle Patienten sind nach Hause entlassen worden. Nur die schwer und lebensgefährlich Erkrankten werden weiter behandelt oder in Kliniken der Nachbarstädte verlegt. Den Verwandten wird geraten, elektrische Heizkörper vorbei zubringen, damit halbwegs erträgliche Temperaturen erreicht werden.

Bis wieder die notwendige Gasmenge fließt, hofft man in den arg gebeutelten Ländern auf einen deutlichen Temperaturanstieg. Nur so kann der Gas-Kollaps abgewendet werden. Der ungarische Gasversorger FGSZ hat ausgerechnet, dass jeder zusätzliche Minusgrad den Gaskonsum landesweit um 2 Millionen Kubikmeter Gas steigert. (Elena Lalowa und Georg Ismar, dpa)