Europa ohne russisches Gas:
Scharfe Töne, leere Röhren, schwache Drohungen
07. Jan 2009 14:35, ergänzt 19:11
 |  Erdgasspeicher in Hamburg: Deutsche Versorger beruhigen ihre Kunden. | Foto: dpa |
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Chaos auf dem Balkan: In Bulgarien werden mangels russischem Gas die Schulen und Kindergärten geschlossen. In Kroatien und Rumänien ist der Notstand ausgerufen worden. Die EU droht Russland und Kiew - doch wirkt sie ein wenig hilflos.
Der Totalausfall aller russischen Gaslieferungen durch die Ukraine hat in weiten Teilen Europas zu chaotischen Verhältnissen geführt. Mitten in der bislang härtesten Kältewelle des Winters fielen auf dem Balkan bei Zehntausenden von Menschen die Heizungen aus.
In Bulgarien schlossen Schulen und Kindergärten, Kroatien rief den Notstand aus. In Bosnien berichtete der Gasversorger Sarajevogas, man stehe kurz vor einer humanitären Katastrophe. Holzfäller begangenen Bäume zu fällen, um Heizmaterial zu beschaffen. Ungarn und die Slowakei begannen damit, die Versorgung großer Industriekunden mit Gas zu reduzieren.
Einschränkungen für Verbraucher
Rumänien hat am Mittwoch den Notstand im Energiesektor ausgerufen. Damit darf der Versorger Transgaz nun Verbrauchern Einschränkungen auferlegen. Die Zufuhr des russischen Erdgases nach Rumänien ist gänzlich zu Erliegen gekommen, demnach fallen für Rumänien täglichen 6,5 Millionen Kubikmeter Gas aus. Nach Angaben des rumänischen Wirtschaftsministers Adriean Videanu reichen die gespeicherten Gasreserven des Landes für maximal 80 Tage.
Auch die deutschen Gasversorger Eon Ruhrgas und Verbundnetz Gas (VNG) beziehen seit Mittwoch kein Erdgas mehr aus den Pipelines durch die Ukraine, wie Sprecher bestätigten. Über die Ukraine werden normalerweise rund 80 Prozent des russischen Gases nach Deutschland gebracht, der Rest läuft über Weißrussland und Polen bis Frankfurt/Oder. Die dortige Pipeline sei von den Problemen nicht betroffen, dort laufe der Betrieb störungsfrei, betonte ein Eon-Ruhrgas-Sprecher.Allerdings ist der Gasdruck an der tschechisch-deutschen Grenzstation Waidhaus – wo sonst das über die Ukraine gelieferte Gas ankommt – nicht komplett auf Null gesunken, wie am Dienstag befürchtet worden war. «Gazprom lenkt offenbar Gas über andere Routen nach Waidhaus um», sagte der Firmensprecher. Die Gasversorger bekräftigten, dass die Versorgung der Bevölkerung nach wie vor gesichert sei. Die Unternehmen verwiesen auf volle Gasspeicher sowie die Gaslieferungen über Weißrussland und Polen, die nach wie vor normal liefen. «Deutschlands Wohnzimmer bleiben warm», betonte auch der Versorger RWE.
Gazprom deutet Schadenersatzforderung an
Derweil verschärfte Russland den Ton gegenüber der Ukraine. Der Moskauer Gasmonopolist Gazprom warnte vor Schäden an den Transit-Pipelines, durch die jetzt kein Gas mehr nach Westeuropa läuft. Bei diesen eisigen Temperaturen könnte das System «ernsthaften Schaden» nehmen, sagte Gazprom-Vizechef Alexander Medwedew in Berlin. Er warf der Regierung in Kiew vor, Gazprom als Geisel nehmen zu wollen, und forderte sie erneut auf, die russischen Gaslieferungen nach Europa wieder zu ermöglichen.Die jetzt von der Ukraine zugedrehte Rohrleitung habe eine Kapazität von 300 Millionen Kubikmetern. Gazprom versuche, so viel Gas wie möglich über nördliche Pipelines nach Europa zu pumpen. «Es ist aber offensichtlich, dass 300 Millionen Kubikmeter nicht kompensiert werden können», sagte Medwedew. Gazprom sei gesprächsbereit. Noch gebe es keine offiziellen Angebote aus Kiew: «Wir können nicht mit uns selbst verhandeln.»
Beide Seiten wollen am Donnerstag in Moskau weiter verhandeln, wie der Chef des ukrainischen Gaskonzerns Naftogaz, Oleg Dubina, laut der Agentur Interfax in Kiew ankündigte. In dem Streit geben sich die beiden Länder gegenseitig die Schuld. Russland wirft der Ukraine vor, in der Nacht die letzte der vier Transit-Pipelines abgeschaltet zu haben. Aus Kiew heißt es dagegen, Russland habe seine Gaslieferungen über die Ukraine komplett gestoppt.
EU wirkt ein wenig hilflos
Hintergrund des Streits sind höhere Preise für Gas, die Russland von der Ukraine verlangt. Russland will seit geraumer Zeit die Gaspreise für die Ukraine auf europäisches Niveau anheben. Bisher zahlt das Land nur etwa die Hälfte dieser Summe. Doch fordert die Ukraine im Gegenzug höhere Durchleitungsgebühren. Die Verhandlungen zwischen beiden Seiten waren am 31. Dezember ergebnislos abgebrochen worden. Beobachter vermuten aber, dass der Streit Russland durchaus gelegen kommt, um Westeuropa zu zeigen, wie wichtig die geplante Pipeline unter der Ostsee ist.Angesichts der komplizierten Lage mit gegenseitigen Schuldzuweisungen tut sich die EU in ihren Reaktionen schwer. Die tschechische Ratspräsidentschaft rief beide Länder auf, ihren Streit bis Donnerstag zu beenden, und warnte vor einer Belastung der Beziehungen zur EU. Tschechiens Regierungschef Mirek Topolanek drohte in Prag, man werde «ernsthaft eingreifen», falls die Lieferungen bis Donnerstag nicht wieder aufgenommen werden. Doch Details blieb Topolanek schuldig. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso warf Russland und der Ukraine vor, in ihrem Gasstreit die europäischen Erdgas-Kunden «als Geiseln» zu nehmen. (nz/dpa/AP)