Leid der Palästinenser wird ausgeblendet:
Mehrheit der Israelis unterstützt Gaza-Offensive
05. Jan 2009 13:34
 |  Verletztes palästinensisches Kind: Israelische Medien blenden das Leid der anderen Seite aus | Foto: dpa |
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Die israelische Öffentlichkeit steht hinter dem Vorgehen ihrer Regierung in Gaza. Der Journalist Gideon Levy ist einer der wenigen, der die israelische Darstellung des Militäreinsatzes in den Medien als «Gehirnwäsche» verurteilt.
Die blutige Militäroffensive im Gazastreifen wird von der überwiegenden Mehrheit der Israelis als notwendiges Übel unterstützt, wie Umfragen bestätigen. Die Berichterstattung in den israelischen Medien bestärken diese Haltung. Hier steht vor allem der Kampf gegen die Einrichtungen der radikal- islamischen Hamas im Vordergrund, der mit einer unangenehmen «Wurzelbehandlung» verglichen wird.
Die vielen zivilen Opfer bei dem bislang blutigsten Feldzug in den Palästinensergebieten kommen nur am Rande vor. Die Stimmung könnte allerdings rasch umschlagen, sollten mehr Opfer unter israelischen Soldaten geben. In diesem Fall könnten «emotionale Reaktionen» den Erfolg der ganzen Offensive gefährden, warnte ein israelischer Radiokommentator.
Das würde sich niemand gefallen lassen
Ähnlich wie bei den Palästinensern konzentrieren sich die israelischen Medien vorwiegend auf die Opfer und das Leid auf der eigenen Seite. Immer wieder werden von palästinensischen Raketen zerstörte Häuser in Städten wie Sderot, Aschkelon und Aschdod sowie Bilder von traumatisierten israelischen Kindern gezeigt. «Kein Staat der Welt würde sich einen ständigen Raketenbeschuss seines Gebiets gefallen lassen», sagt ein Computerspezialist aus Tel Aviv zornig.
Die Menschen glauben der Darstellung der Regierung, dass der Einsatz «Gegossenes Blei» unvermeidlich und zum Schutz der eigenen Bevölkerung im Süden des Landes notwendig ist. «Sie haben es sich selbst zuzuschreiben, warum haben sie auch Hamas gewählt», ist ein Satz, der als Reaktion auf Fragen nach zivilen Opfern bei den Palästinensern immer wieder fällt. Viele Menschen sehen die Räumung der israelischen Siedlungen im Gazastreifen im Sommer 2005 angesichts des andauernden Raketenbeschusses aus dem Palästinensergebiet inzwischen als schweren Fehler an.
Gehirnwäsche und Desinformation
In einem öffentlichen Park in Tel Aviv tauschen sich israelische Mütter über die Offensive aus. «Wir haben keine Wahl, wir kämpfen um unser Überleben», sagt eine zierliche blonde Frau, die ein Baby auf dem Arm hält. Viele Mütter erzählen, ihre Männer hätten Einzugsbefehle zum Kampf im Gazastreifen oder zur Bereitschaft an der Nordgrenze erhalten, wo Angriffe der libanesischen Hisbollah-Miliz befürchtet werden. «Das Leben hier ist so unwirklich, ein Mensch kann plötzlich aus seiner Familie und seinem gewohnten Alltag herausgerissen werden und dann soll er töten», sagt eine der Frauen nachdenklich. «Es ist so primitiv.»
Es gibt auch in den Medien kritische Stimmen zu dem Vorgehen Israels, aber sie werden kaum gehört. Die Journalisten Gideon Levy und Amira Hass von der links-liberalen Zeitung «Haaretz», die von vielen Erzkonservativen als «Nestbeschmutzer» angesehen werden, gehören zu den wenigen, die ausführlich über das palästinensische Leid schreiben. Levy übt am Montag harte Kritik an den israelischen Medien, denen er sogar Desinformation und «Gehirnwäsche» vorwirft. «Es wird systematisch nur dargestellt, was für arme Opfer wir sind, die andere Seite wird völlig ausgeblendet», sagte er. Bei der Darstellung der jüngsten Offensive seien die Medien in Israel «erbärmlich gescheitert».Der Schriftsteller David Grossmann, der im Libanonkrieg vor zweieinhalb Jahren einen Sohn verloren hat, rief schon wenige Tage nach Beginn der Offensive zu einer umgehenden Waffenruhe auf. Man dürfe nicht vergessen, dass Israel und die Einwohner des Gazastreifens weiter Nachbarn bleiben und man auf Dauer «gute nachbarschaftliche Beziehungen» mit ihnen anstrebe. Als weit überlegene Militärmacht müsse Israel ständig prüfen, wann die von ihr ausgeübte Gewalt die Grenze einer «legitimen und effektiven Reaktion» überschreite. Anderenfalls werde Israel sich wieder «in der gewohnten endlosen Gewaltspirale verheddern», warnte Grossmann. (Von Sara Lemel/dpa)