29.12.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Solidaritätsdemonstration im Libanon
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Palästinensische Leichen im Fernsehen heizen derzeit die Wut der arabischen Welt an. Der politische Druck wächst. Ägypten muss nun entscheiden, zu welcher Partei es steht.
Militärisch beschränkt sich Israel bei seinen Attacken zwar auf den palästinensischen Gazastreifen, doch politisch hat der jüdische Staat mit seinen massiven Luftangriffen einen Flächenbrand entfacht. Binnen drei Tagen hat dieser die gesamte Nahost-Region erfasst: Von Aleppo bis Nouakchott protestieren täglich Tausende arabischer Demonstranten gegen «die israelische Aggression».
Silvesterfeier in Istanbul abgesagtIn der türkischen Metropole Istanbul wurde wegen der israelischen Luftangriffe sogar eine große Silvesterfeier auf dem zentralen Taksim-Platz abgesagt. Auch auf höchster politischer Ebene wächst, nachdem binnen 48 Stunden mehr als 300 Palästinenser getötet wurden, die Wut - und zwar besonders in den wenigen Staaten der Region, die Beziehungen zu Israel unterhalten.
Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, dessen Regierung sich in den vergangenen Monaten um einen Friedensschluss zwischen Israel und Syrien bemüht hatte, kritisierte das Vorgehen der israelischen Armee scharf. In Amman verlangen nun selbst einige regierungstreue Parlamentarier die Aufkündigung des 1994 geschlossenen Friedensabkommens mit Israel.
Abbas soll unerwünschte Person werdenKuwaitische Abgeordnete der Islamisten haben die Regierung aufgefordert, Palästinenserpräsident Mahmud Abbas in Kuwait zur unerwünschten Person zu erklären, weil die israelischen Angriffe aus ihrer Sicht «nichts weiter sind, als die Vorbereitung für die Rückkehr des Geheimdienstes von Abbas in den Gazastreifen».
In der Klemme sitzt besonders der ägyptische Präsident Husni Mubarak. Denn dadurch, dass er den Grenzübergang zwischen Ägypten und dem Gazastreifen geschlossen hält - nur verletzte Palästinenser sollen ausreisen dürfen - wird er in den Augen vieler Araber zum Komplizen Israels. Die Ägypter sollten die Hamas nicht drängen, eine «unterwürfige Friedensvereinbarung» mit Israel zu akzeptieren, warnt der Generalsekretär der vom Iran unterstützten libanesischen Schiiten-Bewegung Hisbollah.
«Mubarak - Verräter»«Mubarak - Verräter» rufen Demonstranten in Syrien. Und auch die ägyptische Muslimbruderschaft nutzt die Wut der Menschen, um Mubarak und die Regierung unter Druck zu setzen. «Öffnet das Tor zum Heiligen Krieg», rufen Demonstranten in Kairo und Sanaa. Und weil es an Tagen, an denen arabische Nachrichtensender die Leichen vieler getöteter Palästinenser zeigen, politisch gefährlich ist, den Radikalen zu widersprechen, lässt sie die Staatsmacht diesmal gewähren. In den Foren der Islamisten im Internet kursieren derweil neue «Fatwas» (islamische Rechtsgutachten) von Religionsgelehrten, die Angriffe auf israelische Interessen außerhalb Israels legitimieren sollen.
Ägyptens Warnungen nicht beachtetNur leise und zaghaft meldet sich die Minderheit der Kommentatoren zu Wort, die nicht alleine Israel die Schuld an dieser neuen Eskalation der Gewalt gibt. So beklagt die regierungstreue Kairoer Tageszeitung «Al-Ahram» zwar das «barbarische Massaker» im Gazastreifen. Gleichzeitig kritisiert sie jedoch die Hamas, die sie als «palästinensische Kräfte, die Ägyptens Warnungen nicht beachtet haben», bezeichnet.
Auch die überregionale arabische Tageszeitung «Al-Sharq Al-Awsat», die häufig den Standpunkt des Herrscherhauses in Riad vertritt, stellt sich in einem ihrer Kommentare gegen die Hamas und erklärt provokativ, wenn sich die Hamas von den Arabern verraten fühle, dann solle sie doch, bitte schön, selbst für ein Ende des Konfliktes sorgen. (Anne-Beatrice Clasmann, dpa)