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Internationale Geldmarktkrise: 

Das Tschernobyl der Finanzbranche

13. Okt 2008 16:29
An der Frankfurter Börse
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Die Krise der Weltwirtschaft lässt sich vergleichen mit einem Reaktorunfall. Ähnlich radikal wie nach einem Super-Gau müssen die Lösungen für die Finanzbranche ausfallen, meint Ragnar Vogt.

Von einer Kernschmelze sprechen viele Kommentatoren, wenn sie beschreiben wollen, was derzeit an den Börsen und in den Vorstandsetagen weltweit passiert. Und tatsächlich lassen sich überraschende Parallelen ziehen zu einer Kernschmelze, die im realen Leben stattgefunden hat: zu der in Tschernobyl.

Vor den Ereignissen gingen jahrelang Menschen auf die Straße, um vor den Risiken zu warnen, hier die Atomkraftgegner, da die Globalisierungskritiker. In beiden Fällen werden die Protestierer auf makabere Art durch eine Katastrophe bestätigt. Der Reaktorunfall in Tschernobyl verseuchte weite Landstriche radioaktiv, Menschen sterben noch heute. Die derzeitige Finanzkrise fordert zwar bisher keine Todesopfer, sie vernichtete aber mehr als eine Billion Euro, stürzt Banken in den Ruin, sogar Staaten wie Island stehen vor dem Bankrott.

Und noch eine Parallele wird deutlich: Die Folgen beider Katastrophen stoppen nicht vor nationalen Grenzen. Die radioaktive Wolke von Tschernobyl wehte mehrmals um die Erdkugel herum, noch heute sind in Bayern die Waldpilze verstrahlt. Die Finanzkrise hat zwar ihren Ausgangpunkt in den USA, sie wütet aber gleichermaßen in London, Tokio und Moskau.

Der Unglücksmeiler von Tschernobyl
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Die Forderung der Gegner nach dem Atom-Super-Gau waren einfach: Ausstieg aus der Kernenergie, Abschaltung aller AKW. Doch was soll sich ändern nach dem Finanz-Super-Gau? Die Finanzmärkte können nicht abgeschaltet werden, zu wichtig ist es für Unternehmen, dass sie Kredite von Banken bekommen. Im Unterschied zur Atomkraft drängt auch die Zeit extrem. Nach Tschernobyl im Jahr 1986 dauerte es in Deutschland 14 Jahre, bis der Ausstieg beschlossen war. Zudem erlebt die Atomkraft derzeit eine Renaissance.

So viel Kontroverse kann sich die Weltwirtschaft nicht leisten, schnell müssen radikale Lösungen her. Doch welche? Verstaatlichung der Banken? Die Neoliberalen, die heute nach dem Staat rufen, hatten damals in einer Sache Recht: Der Staat ist nicht besonders geschickt in der Führung von Unternehmen, auch nicht von Banken. Das zeigen zwei aktuelle Beispiele von Finanzinstituten, die ganz oder teilweise im Besitz des Staates sind: Die Landesbanken, die sich mit faulen US-Krediten verzockt haben und die KfW, die den Insolvenzverwaltern von Lehman Brothers hunderte Millionen Dollar aus Versehen geschenkt hat.

Radikal müssen aber die Reaktionen auf den Super-Gau sein, damit so etwas nie wieder passiert. Die Milliarden, die die Regierungen derzeit schnell, schnell in den Markt pumpen, reichen langfristig nicht aus. Der Gesetzgeber muss riskante Finanzprodukte verbieten. Wetten gehören ins Wettbüro und nicht in die Angebotspalette am Bankschalter. Die Bankenaufsicht muss Börsen- und Währungs-Zockern enge Grenzen setzen und sie penibel kontrollieren. Und diese neuen Regeln müssen für alle wichtigen Wirtschaftsnationen gelten.

Der Atomausstieg in Deutschland bringt solange nur sehr wenig, wie die Nachbarländer weiter Kernkraftwerke betreiben. Doch Deutschland ist ein Vorbild für viele Atomgegner, möglicherweise setzt sich der Ausstieg auch in anderen Ländern durch. So müssen auch Nation für Nation für die Finanzbranche strengere Regeln geschaffen werden. Zudem braucht es eine internationale Aufsicht für die Weltfinanz, vergleichbar der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA).

Mit einem Unterschied: die IAEA kontrolliert vor allem die Verbreitung von Atomtechnologie, sie kümmert sich nur nachrangig um die Sicherheit von Atommeilern. Das sollte bei der internationalen Behörde zur Finanzsicherheit anders sein, stabile Märkte müssen das Ziel einer solchen Institution sein. So entsteht eine charmante Zukunftsvision: Internationale Ermittler, die durch die Vorstandsetagen der Banken streifen und die Versager dort bloßstellen und zur Rechenschaft ziehen.

 
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