10.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Warum eigentlich nicht er? Hu Jia
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Der Preis an den finnischen Friedensvermittler Ahtisaari hat viele Fragen aufgeworfen - die zum Teil aggressiv gestellt wurden: Warum erst jetzt? Warum nicht den Menschenrechtler Hu Jia? Hat es «Angst vor chinesischen Behörden» gegeben?
Das norwegische Nobelkomitee hat mit der Vergabe seines Friedenspreises an den Finnen Martti Ahtisaari einen international geachteten und wenig kontroversen Preisträger gewählt. Da fiel es am Freitag in Oslo schon sehr auf, dass sich Komiteechef Ole Danbolt Mjøs nach der Bekanntgabe ungewöhnlich aggressiver Fragen erwehren musste.
Ob es einen anderen Grund als «Angst vor chinesischen Behörden» dafür gebe, dass in diesem Jahr kein chinesischer Menschenrechtler ausgezeichnet worden sei, fragte der sonst dem Komitee durchaus eng verbundene Chefreporter des heimischen Senders NRK.
Trotzige Antworten«Das Nobelkomitee wagt immer alles», antwortete Mjøs trotzig. Er erinnerte an die Preisvergabe 1935 an den im KZ inhaftierten deutschen Publizisten und Nazi-Gegner Carl von Ossietzky, die Hitler in grenzenlose Wut versetzt hatte.
In diesem Jahr machte die Kunde von möglichen «Konsequenzen» aus Peking kurz vor der Entscheidung in Norwegens Hauptstadt die Runde, als alle Welt auf den inhaftierten Menschenrechtler Hu Jia als diesjährigen Preisträger tippte. Auch die Osloer Regierung sei über die Aussicht auf Ärger mit Peking nicht sonderlich erfreut gewesen, schrieb Norwegens führende Zeitung «Aftenposten».
Große Zeit des Finnen vorbeiOb das bei der Entscheidung eine Rolle gespielt hat, wird das fünfköpfige Komitee auf Jahrzehnte für sich behalten. Mjøs fiel die Begründung für den 71-jährigen Diplomaten, Ex-Präsidenten und UN- Spitzenbeamten Ahtisaari nicht schwer. Der Finne habe drei Jahrzehnte lang unermüdlich an der Lösung internationaler Konflikte mitgewirkt und sei einer der «herausragenden internationalen Vermittler unserer Tage».
Aber auch das Timing der Vergabe sprach in den Augen mancher Beobachter dafür, dass der Nordeuropäer vielleicht doch als Notlösung im letzten Augenblick gewählt wurde. Denn weder ist Ahtisaari derzeit sonderlich aktiv, noch war seine letzte international beachtete Vermittlertätigkeit mit Vorschlägen für den künftigen Status des Kosovos erfolgreich. Auch wohlwollende Kritiker in Oslo waren sich einig, dass die große Zeit des Finnen auf der internationalen Bühne vorüber ist.
Ausstrahlung in die Zukunft?So erinnerte der Preis in seiner Ausstrahlung stark an den für den früheren Ex-Präsidenten Jimmy Carter im Jahr 2002. Auch Carter hatte unbestrittene Verdienste und wurde etliche Jahre vorher als «Daueranwärter» gehandelt. Als er den Friedenspreis dann mit fast 80 Jahren endlich bekam, fiel das internationale Echo doch eher zurückhaltend aus.
Man hoffe, dass sich «viele andere von Ahtisaaris Anstrengungen und Erfolgen inspirieren lassen», schrieb das Komitee in seine Begründung etwas vage. Es will ansonsten mit dem weltweit beachteten Preis ausdrücklich immer auch den Blick der Öffentlichkeit nach vorne richten. Nicht zuletzt deshalb wurden im vergangenen Jahr mit dem US-Politiker Al Gore und dem UN-Klimarat Preisträger zum Thema Klimawandel gewählt.
Als vor allem nach vorn gerichtet galten auch mehrere Preise an international eher unbekannte Menschenrechtler wie die iranische Anwältin Schirin Ebadi (2003) oder an den Bankier Mohammed Yunus aus Bangladesch mit seinen Mikro-Krediten an Arme (2006). Nun sei man eben mal wieder zu den «Wurzeln» des 1901 erstmals verliehenen Friedensnobelpreises zurückgekehrt, meinte Komiteechef Mjøs. Und er lobte Ahtisaari, weil er im Sinne des Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896) viel für die «Verbrüderung der Nationen» getan habe. (Thomas Borchert, dpa)