Rücktritt von Scotland-Yard-Chef Blair:
Das Ende eines Oberbefehlshabers
06.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
So stellen sich die Ereignisse für die britische Öffentlichkeit dar, die sich über den Rücktritt Sir Ian Blairs wundert. Demnach wurde der Oberbefehlshaber der Metropolitan Police, wie New Scotland Yard korrekterweise heißt, von Boris Johnson in Terminator-Manier erledigt. Tatsächlich aber hat der Londoner Bürgermeister gar keine Befugnis, dem Polizeichef zu kündigen, auch dann nicht, wenn ihm die Häufung der Skandale bei Scotland Yard nicht passt. Er kann ihm nur als Aufsichtsrat der Polizeibehörde das Vertrauen entziehen; und das hat Johnson getan.
Jacqui Smith, die Innenministerin von der Labour-Partei, wirft Johnson «gefährliche Alleingänge vor: Die Metropolitan Police ist in Großbritannien auch für Terrorbekämpfung zuständig. Über das Gespräch, das zu Ian Blairs Rücktritt führte, war Jacqui Smith jedoch nicht informiert; folglich sah sie sich als Dienstherrin übergangen. Ihr Amtsvorgänger David Blunket witterte sogar Verschwörung und einen lange geplanten Putsch der Konservativen innerhalb der Polizei. Ein Verdacht, der offenbar auch bei Scotland Yard umgeht. Die Berufsvertretung Association of Chief Police Officers warnte vor einer Politisierung der Behörde.
Blair steht auch wegen der Erschießung des Brasilianers Jean Charles de Menezes in der Kritik. Der in England arbeitende Elektriker wurde im Juli 2005 von der Polizei fälschlicherweise für einen der Selbstmordattentäter in der Londoner U-Bahn gehalten und mit sieben Kopfschüssen getötet. Dass die Polizei nach dem Terrorangriff vom 7. Juli 2005 und nur einen Tag nach Vereitlung eines weiteren Anschlags in höchster Alarmbereitschaft war, mag als schuldmindernd gelten. Es waren aber auch die Fernsehauftritte Blairs, die das Vertrauen in seine Urteilskraft trübten. Eine der drei Untersuchungskommissionen hielt 2007 fest, dass der höchste Polizeichef des Landes am Abend des Vorfalls »fast gänzlich uninformiert über die Ereignisse« war. Schon damals wurde Ian Blairs Rücktritt verlangt. Da der Tod des unschuldigen Brasilianers dieser Tage erneut vor Gericht verhandelt wird, hätte womöglich auch die Innenministerin ihn nicht halten können.
Blair hatte in letzter Zeit zudem gegen den Vorwurf der Vetternwirtschaft kämpfen müssen. Den ranghöchsten asiatischstämmigen Polizisten Großbritanniens musste er vorläufig suspendieren. Dieser hatte ihm, weil er sich bei Beförderungen übergangen fühlte, Rassismus unterstellt. Für Blair, einen Polizisten mit Oxford-Examen, der sich als Verfechter eines neuen Liberalismus in der Behörde verstand, mochte das absurd klingen. Aber es zeigt, wie geschwächt seine Position zuletzt war.
Die Ränkespiele werden nun ohne ihn weitergehen. Schon gibt es Streit über die Benennung des Nachfolgers. Die streitbare Innenministerin Smith pocht auf ihr Vorschlagsrecht. Der neuerstarkte Bürgermeister Johnson verlangt gleichwertiges Mitspracherecht und lässt Terminator-mäßig die Muskeln spielen. Das letzte Wort übrigens hat die Queen.
Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung»

