TV-Debatte der Vize-Kandidaten: 

netzeitung.de«Palin überzeugt in ihrer eigenen Reality-Show»

 Herausgeber: netzeitung.de

Die Blamage ist ausgeblieben: McCains Vize-Kandidatin Sarah Palin hat den großen Test bestanden. Zumindest oberflächlich, denn die Zweifel an ihrer Kompetenz konnte sie nicht ausräumen, wie Michaela Duhr berichtet.

Manch ein Zuschauer dürfte sich bei der TV-Debatte der beiden Vize-Präsidentschaftskandidaten verwundert die Augen gerieben haben: War das wirklich Sarah Palin, die in bisherigen Interviews vor allem mit inhaltlosen Bandwurmsätzen und einer erschreckenden Unwissenheit glänzte? Ja, sie war es - John McCains Kandidatin präsentierte sich nicht nur selbstbewusst, entspannt und authentisch, es gelang ihr auch - entgegen allen Erwartungen - das Duell ohne blamable Ausrutscher zu überstehen.

Mit einem Handkuss in die Menge trat sie auf die Bühne und begrüßte ihren Kontrahenten, den demokratischen Vize-Kandidaten Joe Biden, mit einem charmanten Lächeln und einem lockeren: «Hey, kann ich dich Joe nennen». Schon nach ihren ersten Antworten war klar, dass sie den Test bestehen würde. Es gelang ihr, korrekte Sätze zu bilden, ohne Stottern zu antworten und schwere Fehler in ihrer politischen Argumentation zu vermeiden.

Allerdings hatte Palin am Donnerstagabend in Missouri nicht mehr viel zu verlieren. Die Erwartungen an die 44-jährige Gouverneurin von Alaska waren nahezu auf dem Nullpunkt. Einer Umfrage vom Donnerstag zufolge trauen ihr sechs von zehn US-Wählern das Amt des Vizepräsidenten nicht zu.

Normalerweise treffen Profis aufeinander
Nicht nur ihre Gegner, auch ihre Anhänger fürchteten ein Desaster gegen den gewieften und erfahrenen Polit-Profi Biden, der für seine heftigen und scharfen Attacken bekannt ist. «Normalerweise treten zwei Profis gegeneinander an. Das könne man dieses Mal nur von Joe Biden behaupten», hatte David Brooks von der «New York Times» zuvor die Erwartungen an das Duell auf den Punkt gebracht.

In ersten Reaktionen wurde die Debatte als ausgeglichen beschrieben. Die Mutter von fünf Kindern habe sich im Zweikampf mit dem 65-jährigen Biden gut behauptet. Als er ihr vorwarf, McCain werde die verfehlte Politik der Bush-Regierung fortsetzen, konterte sie: «Diese Regierung hat viele Fehler gemacht, wie jede andere Regierung auch. Aber für ein Team, das immer nur von Wandel sprechen und in die Zukunft blicken will, schauen sie viel zu oft zurück.»

Dennoch: Legt man Maßstäbe an, die normalerweise in TV-Debatten gelten, war Palin dem erfahrenen langjährigen Senator aus Delaware weit unterlegen. Während Biden souverän agierte, mit harten Fakten und einem beeindruckenden Detailwissen überzeugte und nicht wie befürchtet über die Stränge schlug, antwortete Palin meist ausweichend und mit Allgemeinplätzen, nur selten ging sie direkt auf Einwürfe oder tiefergehende Fragen ein.

Alles auswendig gelernt
Ähnlich die Kritik in manchen Blogs: «Sicher, ihre Antworten waren akzeptabel, doch sie wirkten wie auswendig gelernt. Ihre Antworten hatten oft kaum etwas mit den Fragen zu tun, sie wiederholte einfach bestimmte Sachverhalte», schreibt ein Leser im Forum der «Washington Post».

Wenig überzeugt reagierte auch Arianna Huffington: «Palin hat lediglich unter Beweis gestellt, dass sie in ihrer eigenen Reality-Show auftreten kann», schreibt sie in ihrem populären linksgerichteten Politblog. «Ich hätte mich sehr gefreut, irgendetwas von Palin zu hören, das sie vorher nicht auswendig gelernt hat.»

Palin wolle nicht nur mehr Macht als Cheney, kritisierte Huffington weiter, sie sei vor allem meilenweit davon entfernt, das Amt überhaupt auszufüllen. Biden hatte in der Debatte Vize-Präsident Dick Cheney als «gefährlich» bezeichnet.

«Eine einzige Debatte kann die Zweifel an Palins Fähigkeiten nicht ausräumen», schreibt denn auch Dan Balz von der «Washington Post». Immerhin dürfte dieser Auftritt das Rampenlicht wieder weg von Palin und hin zu den beiden Präsidentschaftskandidaten Obama und McCain lenken - sehr zur Erleichterung der Republikaner.