17.09.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Ein Vorbild für die afghanische Jugend?: Taliban
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Mehr Soldaten werden Afghanistan nicht befrieden und die Polizeiausbildung kann als gescheitert gelten. Die Bevölkerung wird zunehmend skeptischer - und lässt sich aus Armut für die Taliban werben.
Deutschland ist im Krieg. Soldaten der Bundeswehr werden in Afghanistan von Kämpfern der Taliban angegriffen, bei Kundus erschießen Deutsche versehentlich eine dreiköpfige Familie und schon wird wieder von Blutgeld oder Zinksärgen gesprochen. Niemand erwartet kurzfristig eine Besserung der Lage. Der deutsche Beitrag des Einsatzes in Afghanistan soll vom Bundestag ausgeweitet werden, doch Experten warnen, dass mehr Soldaten allein das Land nicht stabilisieren werden. Sowohl Entwicklungshilfe als auch Polizeiausbildung müssen dringend gestärkt werden.
«Militarisierung wird zu weiterer Eskalation führen», sagt Afghanistan-Experte Conrad Schetter vom Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn. Je mehr die Nato aufrüste, desto mehr würde sie als Besatzungsmacht gesehen. Je stärker die Koalitionstruppen aufträten, desto eher würde sich die zersplitterte Opposition einem Burgfrieden anschließen und gemeinsam gegen die Besatzungsmacht einstehen.
Paradox der afghanischen GeschichteCitha Maaß von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin sagt, dieses Paradox sei eine Lehre aus der bisherigen afghanischen Geschichte. «Interne Rivalitäten werden immer dann zurückgestellt, wenn es gilt, vereint gegen den äußeren Feind zu kämpfen.» Im kommenden Monat wird der Bundestag voraussichtlich den Einsatz von Awacs-Flugzeugen zur Luftraumüberwachung beschließen, genauso wie eine Erhöhung des Truppenkontingents von bislang 3500 auf bis zu 4500 Soldaten.
Frankreich hat sein Kontingent bereits verstärkt, die USA werden wohl spätestens unter dem nächsten Präsidenten bis zu 10.000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan entsenden, um der zunehmenden Gewalt im Land zu begegnen. Zudem soll die Einsatzführung des Anti-Terror-Einsatzes der OEF Berichten zufolge künftig von US-General David McKiernan in Personalunion mit der Nato-Schutztruppe Isaf geführt werden.
Für 200 Dollar als Taliban kämpfenAfghanistan ist UN-Statistiken zufolge auch Jahre nach dem Sturz des mittelalterlichen Taliban-Regimes noch das fünftärmste Land der Welt. Der Regionalgruppenleiter Zentralasien der Welthungerhilfe, Theo Riedke, erklärt: «Im Norden gibt es zunehmend Familien, die kaum über Geld verfügen und sich nicht mehr selbst ernähren können.» Wenn den Männern dann von Kämpfern der Taliban 200 Dollar geboten würden, seien diese oft bereit, sich den Aufständischen anzuschließen, zumal es kaum andere Jobs gebe, sagt Riedke.
Tom Koenigs, ehemaliger UN-Sonderbeauftragter für Afghanistan, gibt ebenfalls zu bedenken, dass der Konflikt allein mit militärischen Mitteln nie zu gewinnen seien wird. «Bisher haben wir zu wenig und zu langsam getan», sagte er Ende August bei einer Veranstaltung der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (gtz) in Frankfurt. Er fordert ein massives Engagement der internationalen Gemeinschaft zur Verbesserung der Lebensbedingungen im Land.
Stammesführer haben längst wieder das SagenZudem müsse in Bildung investiert werden, um langfristige Erfolge zu erzielen. «Über Vernunft zieht Demokratie ein.» Experten kritisieren, dass zu wenig Aufbauhilfe in Afghanistan geleistet und zu schlecht koordiniert wird. «Da läuft vieles schlecht», sagt Wissenschaftler Schetter. Die in Deutschland involvierten Ministerien Verteidigung, Inneres, Äußeres und das Entwicklungshilfeministerium kommunizierten nur unzureichend. Maaß forderte daher bereits im vergangenen Jahr die Einrichtung einer Koordinatorenstelle im Kanzleramt - vergeblich.
Viele Köche verderben den Brei. Das gilt auch, wenn es um den Aufbau einer funktionierenden Polizei für ein Land mit etwa 30 Millionen Einwohnern geht. Die Herstellung eines funktionierenden Gewaltmonopols gilt jedoch als zentral in dem gebeutelten Land, in dem Klanchefs, Stammesführer sowie die Schatten- und Drogenwirtschaft längst wieder das Sagen haben. Darauf hätte man sich von Anfang an konzentrieren müssen, erklärt Koenigs. «Man hätte wissen sollen, dass das Nötigste in Post-War-Konflikten (Nachkriegskonflikten) die Polizei ist.» Die Falken in Washington um US-Vizepräsident Cheney hätten einen vernünftigen Staatsaufbau (State Building) jedoch als «Gedöns» betrachtet, sagt der frühere Grünenpolitiker Koenigs.
Taliban ist eine Jugendkultur wie Hiphop, nur mit WaffenDie Amerikaner investieren im Süden inzwischen massiv in die Polizeiausbildung und setzen dabei auf ein schnelles Training. «Wegelagerer in Uniform» nennt Schetter die eilig ausgebildeten Ordnungshüter. Die Europäer setzen auf eine solide Ausbildung, allerdings in homöopathischer Dosis. Zudem stellen die Ausbilder der EUPOL-Mission ein Potpourri der (Polizei-) Kulturen dar, so bunt wie Europa. «Afghanistan dient als Experimentierfeld», kritisiert Schetter. Koenigs sagt: «Wenn Taliban-Kämpfer doppelt soviel verdienen wie die Polizei, dann ist die Sache doch klar.»
Die Polizei gilt als korrupt und schlecht ausgebildet, die Menschen vertrauen oft mehr den Stammesführern oder gar den radikalen Islamisten. Die zunehmende Entfremdung der afghanischen Bevölkerung von den Nato-Soldaten hat dabei viele Gründe. Neben der bitteren Armut sind es auch die Berichte über zivile Opfer der Nato-Militäreinsätze, die die Soldaten in den Augen der Afghanen immer mehr zur Besatzungsmacht machen.
Im Süden Afghanistans herrscht Krieg. Zuletzt im August so heftig, dass die Koalitionstruppen innerhalb einer Woche fast 300 Tote Aufständische bei Kämpfen vermeldeten. Die Unzufriedenheit macht es den Taliban leichter, auch in anderen Landesteilen Fuß zu fassen. Vor allem in den umkämpften Gebieten im Süden und Südosten fühlten sich die Dorfbewohner überrannt und wollten ihre Selbstständigkeit zurück, sagt Schetter. «Der Begriff 'Taliban' steht in Afghanistan mittlerweile für einen positiv besetzten Lifestyle, eine Jugendkultur wie Hip Hop, nur mit Waffen und Gewalt.» (Jürgen Bätz, dpa)