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EU-Außenminister beraten in Avignon: 

«Wir fragen Russland nicht um Erlaubnis»

05. Sep 2008 19:07
Frattini (Italien) und Miliband (Großbritannien) in Avignon
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200 zivile Beobachter will die Europäische Union nach Georgien entsenden – auch in die noch von russischem Militär besetzte «Sicherheitszone». Beim Treffen der Außenminister werden harsche Töne gegen Moskau angeschlagen.

Die Europäische Union ist entschlossen, zivile Beobachter auch in der derzeit noch von russischen Truppen kontrollierten «Sicherheitszone» in Georgien einzusetzen. Dies bekräftigten die Außenminister der EU am Freitag zu Beginn ihres Treffens in Avignon. Zugleich wurden Forderungen lauter, die Verantwortung für den Ausbruch der Gewalt zwischen Russland und Georgien aufzuklären. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) verlangte ein Stabilitätskonzept für die gesamte Region. Darin sollen neben Georgien auch Armenien, Aserbaidschan und die Türkei einbezogen werden.

EU-Chefdiplomat Javier Solana sagte, er rechne bei dem Gipfeltreffen des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy mit dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew am Montag mit einer Zustimmung Moskaus zur Entsendung der EU-Mission. Solana will vermutlich rund 200 zivile Beobachter in die von Russland errichteten «Pufferzonen» in Georgien entsenden. «Ich glaube, sie verstehen, was wir wollen und ich hoffe, dass wir am Montag erfolgreich sind», sagte Solana. Die EU stehe bereit, um den Russen den Abzug aus den Pufferzonen zu erleichtern: «Wenn etwas nötig ist, um dort an ihre Stelle zu treten, dann sind wir bereit, das zu tun.»

Ein entschlossener Schwede

Während sich der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn überzeugt zeigte, «dass wir über Kerngeorgien nicht hinauskommen» und die EU-Beobachter nicht in der «Pufferzone» eingesetzt werden könnten, bestritt sein schwedischer Kollege Carl Bildt, dass die von Solana erhoffte Zustimmung Moskaus überhaupt nötig sei. «Die Russen haben überhaupt kein Recht, eine Erlaubnis zu geben oder zu verweigern», sagte er.

Carl Bildt (Schweden)
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Die EU werde am 15. September offiziell die Entsendung der Beobachtermission beschließen. Deren Mandat erstrecke sich auf ganz Georgien: «Wir werden unsere Mission nach Georgien schicken, ohne Russland um Erlaubnis zu fragen.»

Der Menschenrechtskommissar des Europarats, Thomas Hammarberg, schilderte die Lage der Zivilbevölkerung im Krisengebiet in einer in Straßburg veröffentlichten Erklärung als dramatisch. «Den gewaltsamen Übergriffen, dem Niederbrennen von Häusern und den Plünderungen muss Einhalt geboten werden», forderte Hammarberg, der von einer mehrtägigen Reise durch Georgien zurückkehrte. Hammarberg erhob Vorwürfe gegen beide Konfliktparteien. Der georgische Angriff auf Zchinwali habe zahlreiche Menschen das Leben gekostet. Mit Russland verbündete südossetische Einheiten wiederum hätten von ethnischen Georgiern bewohnte Dörfer geplündert, und der russische Angriff auf die georgische Stadt Gori habe zahlreiche Menschen in die Flucht geschlagen.

«Mount Whitney» in georgischem Hafen eingelaufen

Das Flaggschiff der US-Mittelmeerflotte ist am Freitag in der georgischen Hafenstadt Poti eingetroffen. Die «USS Mount Whitney» ankere außerhalb des Hafens, erklärte Hafenmeister Wachtang Tawberidse. Nach US-Regierungsangaben sollte das Schiff mehrere Tonnen Hilfsgüter für die georgische Bevölkerung bringen. Russland steht der verstärkten Präsenz von US- und Nato-Schiffen im Schwarzen Meer ablehnend gegenüber. Ein Außenamtssprecher in Moskau sagte aber, Russland plane keine militärische Reaktion auf diese Präsenz. Es sei jedoch fragwürdig, dass die USA Kriegsschiffe zur Lieferung von Hilfsgütern einsetzten, denn dafür seien die Frachträume nicht groß genug, sagte Andrej Nesterenko.

Entgegen früheren Angaben erklärte ein Sprecher des US-Kommandos für Europa, es sei nicht geplant, Russland eine Inspektion der Fracht «Mount Whitney» zu gestatten. Der Hafen von Poti sei souveränes georgisches Gebiet. Die «Mount Whitney» ist das erste Schiff der US-Marine, das seit dem russisch-georgischen Konflikt vom August Poti anläuft. Poti war von russischen Truppen bombardiert worden, mehrere georgische Schiffe wurden versenkt. Zwei weitere US-Schiffe haben bereits Hilfsgüter in die weiter südlich gelegene Hafenstadt Batumi gebracht.

US-Außenministerin Condoleezza Rice sagte am Freitag bei einem kurzen Aufenthalt in Lissabon, Russland vertiefe seine Isolation, indem es das Waffenstillstandsabkommen missachte. Der Westen kritisiert, dass drei Wochen nach Unterzeichnung eines entsprechenden Abkommens noch immer russische Truppen in Georgien stehen, zum Beispiel in Poti. Moskau hat erklärt, das Abkommen lasse Kontrollposten in Sicherheitszonen auf georgischem Gebiet zu. Die Reaktion des Westens auf den Konflikt erschwere es Russland, seine mit der Invasion in Georgien angestrebten strategischen Ziele zu erreichen, sagte Rice. Der portugiesische Außenminister Luis Amado sagte, es sei wichtig, dass der Westen weiterhin eine einige Haltung gegenüber Russland einnehme.

Suche nach den Schuldigen an der Eskalation

Im Kreis der EU-Außenminister wuchs die Unterstützung für die auch von Steinmeier erhobene Forderung, die Verantwortung für den Ausbruch der Kampfhandlungen vom 7. August zu klären, als der georgische Präsident Michail Saakaschwili Truppen in die georgische Region Südossetien schickte. Unmittelbar danach marschierten russische Truppen nach Georgien ein. Steinmeier sagte, vor Entscheidungen über die weiteren Beziehungen zu den Konfliktparteien sei es «schon wichtig, wer mit welchen Ursachenanteilen an der Eskalation bis hin zur bewaffneten Auseinandersetzung beteiligt war».

«Ich glaube, dass Präsident Saakaschwili eine Verantwortung trägt», sagte der luxemburgische Außenminister Asselborn. «Und wir werden in der Öffentlichkeit nicht unsere Ruhe haben, wenn wir nicht wissen, was bis zum 8. August wirklich geschehen ist.» Es müsse einen «kritischen Dialog» mit Georgien geben: «Die Demokratieentwicklung in Georgien hat ihr Ziel noch nicht erreicht.»

«Falsche Geschichten dürfen nicht Wahrheit werden»

«Wir sind für eine unabhängige internationale Untersuchung», sagte Italiens Außenminister Franco Frattini. «Ich habe mit Russland und Georgien darüber gesprochen, und beide haben gesagt, dass sie nicht dagegen sind.» Der britische Außenminister David Miliband forderte eine unvoreingenommene Untersuchung: «Es ist wichtig, dass irgendwelche falschen Geschichten nicht zur letzten Wahrheit werden und dass ernsthafte Vorwürfe aufgeklärt werden.»

Steinmeier begrüßte die Bemühungen der Türkei, eine internationale Konferenz über die Stabilität im Kaukasus zu organisieren, als «gut und richtig». Die EU müsse überlegen, «ob wir nicht eine Initiative brauchen, die zur Stabilisierung des gesamten Kaukasus-Raumes beiträgt.» Steinmeier sprach sich für «verdichtete Beziehungen» der EU zur Ukraine aus. Bei einem Gipfeltreffen am kommenden Dienstag in Evian wird die EU nach Angaben von Diplomaten dem ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko jedoch keine Zusage für den von ihm gewünschten EU-Beitritt geben.

Endziel ist eine Ukraine in der Union

Steinmeier forderte die ukrainischen Politiker angesichts der Regierungskrise des Landes auf, «zur Handlungsfähigkeit des Landes» zurückzufinden. Miliband plädierte dafür, Kiew klarzumachen, «dass wir eine langfristige Beziehung mit der Ukraine haben wollen, bei der die EU-Mitgliedschaft das Endziel ist». Die Außenminister verschoben allerdings eine Diskussion über die Folgen der Georgien-Krise für die Europäische Union auf Samstag.

Bernard Kouchner (Frankreich)
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Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner, der derzeitige EU-Ratsvorsitzende, begründete die Änderung der Tagesordnung nicht. An Bord des Hochgeschwindigkeitszuges, in dem er gemeinsam mit seinen Kollegen von Paris nach Avignon gereist war, sagte er lediglich, er halte das «für besser».

Die Außenminister berieten stattdessen auch über eine neue Sicherheitsstrategie für die EU. «Der Krieg in Georgien hat uns auf tragische Weise daran erinnert, dass bewaffnete Konflikte in unserer Nachbarschaft nicht der Vergangenheit angehören», hieß es in einem Diskussionspapier des EU-Außenbeauftragten Javier Solana für das Treffen. Zudem seien «Klimawandel, Energiesicherheit und Schutz vor Cyber-Angriffen» in der bisherigen Sicherheitsstrategie von 2003 nicht hinreichend berücksichtigt. Der wichtigste Energielieferant der EU ist Russland. (dpa/AP)

 
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