Republikaner nach dem Palin-Skandal:
Sorgenfalten und Solidaritätsbekundungen
02. Sep 2008 18:59
 |  Die Informationspolitik über Palins Familie kritisieren viele | Foto: AP |
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Tapfer reagierten die meisten Delegierten auf die Enthüllungen über die US-Vizepräsidentenkandidatin: «Das kommt in den besten Familien vor.» Doch die Parteistrategen können das Thema nicht so schnell abhaken.
Neues Pech für die US-Republikaner: Nach «Gustav» fahren ihnen nun unangenehme Enthüllungen in die Parteitagsparade. Und sie drehen sich ausgerechnet um Sarah Palin, die junge Vizekandidatin, die für die immer noch wenig von John McCain begeisterte religiös-konservative Basis eine Art Hoffnungsträgerin geworden ist.
Ihre minderjährige unverheiratete Tochter Bristol, so bestätigte McCains Wahlkampflager am Montag, ist schwanger. Bei der offiziellen Vorstellung der Gouverneurin von Alaska als Nummer Zwei am vergangenen Freitag war das noch sorgsam unterm Deckel gehalten worden: Schließlich tritt die stramm konservative werdende Großmutter seit Jahr und Tag für sexuelle Enthaltsamkeit von Teenagern ein. Nur sinistre Gerüchte im Internet, die der Gouverneurin ein ungeheuerliches Manöver zur Vertuschung des «Fehltritts» der 17 jährigen Bristol unterstellten, zwangen nun zum «Offenbarungseid» - just zur Parteitagzeit. Genau das hatte man vermeiden wollen.
«Das macht Sarah Palin nur noch humaner»
Das Echo unter den Delegierten war einhellig und tapfer: So etwas kommt in den besten Familien vor. Und schließlich geht Bristol genau in der Weise mit dieser Herausforderung um, wie es der Position von Abtreibungsgegnerin Palin entspricht: Sie behält ihr Baby und heiratet dazu auch noch den Vater. «Die Familie meistert die Sache ehrenvoll», formulierte es Rick Scarborough, Gründer der konservativen Aktivistengruppe «Vision America» am Rande des Parteitags im Xcel Energy Center der Zwillingsstädte. Die Delegierte Jane Milhans pflichtete bei: «Das macht Sarah Palin nur noch humaner.»
Aber während sich das Parteivolk um die Gouverneurin scharte, vertieften sich bei den Republikaner-Strategen die Sorgenfalten. Nicht umsonst hatten sie versucht, die unvermeidlich gewordene Enthüllung wenigstens so zu platzieren, dass sie möglichst wenig Aufmerksamkeit erregen würde: genau während des Eintreffens von «Gustav» im US-Süden. Das half wenig. Als sich herausgestellt hatte, dass die große Katastrophe an der Golfregion nicht eintraf, stürzten sich die Medien mit Wonne auf die Palin-Nachricht, prangten auf den Bildschirmen in den Pressezentren die Worte «Breaking News» (Allerneueste Nachrichten): Palins 17-jährige Tochter ist schwanger.
Kritik an Informationspolitik
Dabei lastete niemand der Gouverneurin an, dass sie ihre Tochter ganz augenscheinlich nicht für sexuelle Enthaltsamkeit gewinnen konnte. In den Vordergrund rückten vielmehr der offensichtliche Versuch, die Sache möglichst lange geheim zu halten und die Frage von McCains Urteilsvermögen. Bisher hatten sich Verblüffung über seine Entscheidung für Palin und Kritik hauptsächlich darum gerankt, dass sie mit einer zweijährigen Gouverneurzeit eine äußerst magere politische Erfahrung aufzuweisen hat. Hinzu kamen aber tröpfchenweise immer weitere Informationen über den Hintergrund dieser Frau, die an ihrem glänzenden Image als unbestechlich-geradlinige Sozialkonservative kratzten. Dazu gehört der Vorwurf, dass sie aus purer Rachsucht einen ihrer Behördenchefs an die Luft setzte, weil dieser seinerseits ihren ungeliebten Ex-Schwager nicht gefeuert hatte - ein Verdacht, der immerhin so ernst genommen wird, dass Alaskas Kongress ermittelt.
McCains Lager beteuert, dass Palins Hintergrund genau durchleuchtet worden sei und dem Kandidaten alles vor der Nominierung bekannt gewesen sei. Aber vieles deutet darauf hin, dass McCain sich in aller Hast für Palin entschied, um der konservativen Basis eine der Ihren zu präsentieren.
Aufarbeitung der Nominierung
Er habe sie nur zweimal vor der Nominierung persönlich getroffen, hieß es am Dienstag in US-Medien, und habe sie anscheinend nur oberflächlich unter die Lupe nehmen lassen. Die republikanische Kongressabgeordnete Gail Phillips bestätigt dies. Sie habe 30, 40 Persönlichkeiten in Palins Umgebung angerufen, schilderte sie in der «Star Tribune». Aber keiner sei vom McCain-Lager angesprochen worden. «Alaska ist sehr klein», so Phillips, «aber ich habe niemanden gefunden, der (nach Palin) befragt worden ist.»Am Mittwoch wird die Gouverneurin nach ihrer offiziellen Nominierung ihre Antrittsrede halten und die Delegierten werden sie bejubeln - bestärkt durch First Lady Laura Bush, die Palin bei einem Frühstück mit Delegierten als «Superfrau» bezeichnete. Aber die meisten Medien sahen das anders. Ihr Urteil: Zumindest zum Teil ist der Lack ab, und McCain könnte seine Wahl bitter bereuen. Und die Demokraten haben neue Munition erhalten - in ihrem Argument, dass McCains Personalentscheidung ein Verzweiflungsakt war. (Gabriele Chwallek, dpa)