Netzeitung Logo
 
Aktuelles  »  Politik  »  Ausland
DruckenVersenden
 

Afghanistan: 

Angst in Kundus

02. Sep 2008 12:09
Durch Sprengfalle zerstörter Bundeswehr-'Dingo' (Archivfoto vom März 2008)
Bild vergrößern
In Char Dara, keine zehn Kilometer von der Stadt und dem Bundeswehr-Standort Kundus entfernt, verbreiten die Taliban Furcht und Schrecken. Chalid würde gerne wieder nach Hause fahren, doch das traut er sich nicht mehr.

Zu Hause, das ist für den 26-jährigen Chalid, der seinen richtigen Namen nicht gedruckt sehen will, ein Dorf im nordafghanischen Distrikt Char Dara. In einer Sprengfalle in jenem Distrikt wurde in der vergangenen Woche ein deutsche Hauptfeldwebel getötet. In Char Dara, keine zehn Kilometer von der Stadt und dem Bundeswehr-Standort Kundus entfernt, verbreiten die Taliban Angst und Schrecken. Chalid traut sich inzwischen aus Kundus-Stadt nicht mehr hinaus. Er fürchtet um sein Leben.

Manche Afghanen wagen es selbst mitten in Kundus-Stadt nicht mehr, sich öffentlich mit Ausländern zu zeigen. Das Gespräch mit Chalid findet bei seinem Arbeitgeber in einem Haus mit hohen Mauern statt, am Tor steht ein Wachmann mit Schnellfeuergewehr. Chalid arbeitet für eine westliche Organisation in der Stadt. Die Taliban drohten in seinem Dorf jedem, der sein Geld bei Ausländern verdient, mit dem Tod. «Ich arbeite nur, um meine Familie zu ernähren», sagt der verzweifelte Mann. «Ich bin doch kein Soldat.» Dass mit den Taliban nicht zu spaßen ist, haben sie vor zwei Wochen an einem Cousin bewiesen: Sie ermordeten den Polizisten am helllichten Tag auf offener Straße, 50 Meter von Chalids Haus entfernt.

Chalids Frau wurde Zeugin, als die Rebellen zwei Kalaschnikow- Magazine mit ingesamt 60 Kugeln auf den Verwandten schossen. Der Leiche nahmen sie Dienstpistole, Portemonnaie und Handy ab. Dann fuhren die beiden Schützen auf einem Motorrad ungestört davon. Verängstigt zog Chalid mit seiner Frau und den beiden jungen Töchtern kurz danach nach Kundus-Stadt. Seine Eltern ließ er zurück. «Noch vor einem Jahr konnte ich abends um 21 Uhr von der Arbeit in mein Dorf fahren, heute kann ich nicht einmal tagsüber mehr hin», berichtet er. In der Umgebung des Dorfes führen Taliban am Tage auf Motorrädern durch die Gegend, die Waffen verborgen. Nachts beobachteten Bauern, die ihre Felder bewässerten, ganze Gruppen Aufständischer, die Panzerfäuste und Maschinengewehre geschultert hätten.

Chalid
Bild vergrößern
Die Lage hat sich nicht nur in Char Dara rapide verschlechtert. Rund um Kundus-Stadt hat die Bedrohung in der einst relativ friedlichen Region zugenommen. «Hinter den Checkpoints (am Stadtrand) beginnen die Probleme», sagt Chalid. Provinzgouverneur Engineer Mohammad Omar meint, die Stadt sei unter Kontrolle, die Distrikte in der Provinz seien problematisch. Davon zeugen auch die zunehmenden Angriffe auf die Bundeswehr, die eine «verschärfte Sicherheitslage» diagnostiziert. Selbst Kundus-Stadt ist allerdings längst nicht mehr sicher. Dort warten nach Omars Erkenntnissen derzeit mindestens vier Selbstmordattentäter darauf, sich in die Luft zu sprengen.

Chalid befürchtet, dass die Aufständischen künftig auch in der Stadt immer mehr Terror verbreiten werden. Noch vor nicht allzu langer Zeit habe niemand geglaubt, dass der vor allem im Süden tobende Aufstand so massiv auf den Norden übergreifen werde. Die Angst um die Zukunft raube ihm den Schlaf. «So, wie man Durst auf Wasser hat, so dürste ich danach, nach Hause zu dürfen», sagt Chalid. «Ich bin müde und unglücklich.» Chalids ausländischer Chef ist schon seit langem in Kundus, er sagt: «Ich finde es dramatisch, was hier los ist.» Das Schicksal seines Mitarbeiters sei kein Einzelfall.

Chalid macht den knapp 600 Bundeswehr-Soldaten in Kundus keine Vorwürfe, dass sie nicht massiver gegen die Aufständischen in der Gegend vorgehen. «Die Deutschen können doch gar nicht erkennen, wer ein Taliban ist.» Ohne ihre leicht zu versteckenden Waffen seien die Rebellen nicht von Dorfbewohnern zu unterscheiden. Die Bevölkerung sei zu verängstigt, um Sicherheitskräfte auf Taliban aufmerksam zu machen. Auch die afghanischen Polizisten hätten Angst, sie trauten sich kaum noch aus den Distriktzentren hinaus.

Wie viele seiner Mitbürger in Kundus ist Chalid froh, dass die Bundeswehr überhaupt in der Gegend ist. Sollten die deutschen Soldaten - wie von einer Mehrheit der Bundesbürger gefordert - aus der Region abziehen, würde sich die Sicherheitslage noch viel weiter verschlechtern, ist Chalid überzeugt. «Wenn sie gehen, glauben Sie mir, dann haben wir hier wieder Bürgerkrieg.» (Can Merey, dpa)

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
 
Anschlagsserie mit Dutzenden Toten: 
13-Jährige sprengt sich im Irak in die Luft
Nach dem Tod von acht Zivilisten: 
Syrien kritisiert «Aggression» der US-Armee
 
«Außergewöhnliche Umstände»: 
Merkel und Sarkozy wollen Stabilitätspakt lösen
Alternative Energien, alternative Lieferanten: 
Brüssel macht sich auch für Atomkraft stark
 
Koalition einigt sich bei Online-Durchsuchung: 
BKA-Trojaner erhält Verfallsdatum
Trauerfeier zu Afghanistan-Soldaten: 
Jung würdigt Verdienste «gefallener Soldaten»
 
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.