29.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Die Lage war nach dem Tod der deutschen Soldaten angespannt
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Anfangs hatte das Ministerium sich zurückhaltend geäußert. Dann allerdings kam die vorsichtige Bestätigung des schwerwiegenden Verdachts. Die Schüsse auf eine Frau und zwei Kinder stammten vermutlich «aus deutschen Waffen».
Es ist ein Alptraum. Für die Familien in Afghanistan. Für die Bundeswehrsoldaten. Für die Bundesregierung. Für den Bundestag. Drei Zivilisten, eine Frau und zwei Kinder, sind an einem Checkpoint von afghanischer Polizei und deutschen Isaf-Soldaten in Nordafghanistan getötet worden. Sie saßen in einem von zwei Fahrzeugen, das nach kurzem Halt vor dem Kontrollposten plötzlich weiterfuhr. Nach zunächst zurückhaltenden Stellungnahmen tagsüber räumte die Bundeswehr am Freitagabend ein: ««Nach derzeitigen Informationen wurden am Tatort Spuren gefunden, die die Vermutung nahe legen, dass die Schüsse auf das Fahrzeug aus deutschen Waffen abgegeben worden sind.»
Nach offiziellen Angaben ist es das erste Mal, dass Zivilisten am Hindukusch bei einem Zwischenfall mit deutschen Isaf-Soldaten starben eineinhalb Tage nachdem eine Bundeswehrpatrouille nahe Kundus in eine Sprengfalle fuhr und ein 29 Jahre alter Hauptfeldwebel getötet wurde. In der vorigen Woche hatte die Bundeswehr mitgeteilt, dass deutsche Soldaten erstmals seit Beginn des Einsatzes Anfang 2002 einen Angreifer erschossen haben. Nach Angaben der afghanischen Polizei hatte es sich um einen unbeteiligten Schäfer gehandelt. Klarheit gibt es darüber nicht.
Die Männer sollen verzweifelt seinIn Bundeswehr-Kreisen hieß es, die am Donnerstagabend beteiligten deutschen Soldaten stünden unter Schock. So kurz nach dem Attentat auf ihre Kameraden habe es viele Warnungen vor weiteren Anschlägen auch durch Autos gegeben. In den beiden auf sie zufahrenden Wagen hätten sie eine Todesgefahr gesehen. Die Männer seien verzweifelt.
Der zuständige afghanische Polizeichef sagte, deutsche und afghanische Sicherheitskräfte hätten die Straßensperre errichtet, nachdem sie die Information zu einem möglichen Drogenschmuggel bekommen hätten. Nach Darstellung der Bundeswehr waren zwei zivile Fahrzeuge auf den Kontrollpunkt zugerast. Sie hätten zwar nach entsprechender Aufforderung angehalten. Das erste Auto sei dann aber plötzlich wieder angefahren. Deutsche Soldaten und vermutlich auch Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte hätten Warnschüsse in die Luft abgegeben. Dann hätten die Soldaten von einem geschützten Fahrzeug aus das Feuer auf das erste Fahrzeug eröffnet.
Von nun an in einer Reihe mit anderen StreitkräftenDer Zwischenfall ist eine Zäsur im deutschen Afghanistan-Engagement. «Friedliche Entwicklung und Stabilität» zu sichern, wie Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) stets betont, ist nun nicht mehr das Einzige, was die Bundeswehr für Afghanistan leistet. Nun dürfte sie von radikalislamischen Taliban in eine Reihe mit anderen ausländischen Streitkräften, vor allem denen der USA, gestellt werden, die auch den Tod nach Afghanistan bringen.
In der afghanischen Bevölkerung lösen die zivilen Opfer Trauer und Wut aus. Als vor einer Woche in der westlichen Provinz Herat 90 Dorfbewohner bei einem US-Luftangriff starben, attackierten wenig später Hunderte Angehörige die afghanischen Soldaten, die ihnen nach dem Angriff eigentlich helfen wollten. Mit Steinen und bloßen Händen wurden sie von der aufgebrachten Menge gezwungen, sich wieder aus dem Dorf zurückzuziehen. Der Schmerz der Menschen über den Tod von 60 Kindern und 30 Erwachsenen war zu groß.
Karsai will Verantwortlichkeit neu regelnJungs Sprecher Thomas Raabe verwies darauf, dass es oft unterschiedliche Angaben zur Zahl der zivilen Opfer gebe. Aber unbestritten sei ihr Tod schlimm und müsse aufgeklärt werden.
Präsident Hamid Karsai fordert inzwischen nach jahrelangen erfolglosen Appellen öffentlich, die Verantwortlichkeiten der im Land stationierten ausländischen Truppen neu zu regeln, um in Zukunft tödliche Zwischenfälle mit Zivilisten zu vermeiden. Er verurteilt den Tod seiner «unschuldigen Landsleute» scharf. Der Sondergesandte der Vereinten Nationen in Afghanistan, Kai Eide, hatte nach dem US- Luftangriff gesagt: «Zivile Opfer untergraben das Vertrauen und die Zuversicht des afghanischen Volkes.» (Kristina Dunz, Farhad Peikar und Stefan Mentschel, dpa)