Latente Kritik bestimmt die internationalen Medien, wenn es um Barack Obamas Entscheidung für Joe Biden geht. Er sei dessen Lückenfüller – doch den Rest müsse der Spitzenmann schon selber machen. Mit Audio
«Libération»: Anhaltendes Legitimitätsdefizit
In einem Land, in dem die Benzinpreise Schwindel erregende Höhen erreichen und die Haushalte jeden Tag ihren Gürtel enger schnallen müssen, wird die Wirtschaft der Schlüssel zum Wahlerfolg sein. Nur Versprechungen eines Wechsels, mag er auch historisch sein, werden nicht ausreichen, um ein Duell zu entscheiden, das laut Umfragen sehr knapp sein wird.
Barack Obama hat dem Durchschnittsamerikaner gegenüber immer noch ein Legitimitätsdefizit. Nun liegt es an ihm, in den nächsten Wochen der sehr zurückhaltenden weißen und katholischen Arbeiterklasse zu beweisen, dass er sowohl die Mittel als auch die Ideen hat, jedem Amerikaner ein besseres Leben zu bieten. Wenn nicht, zerbricht sein Traum vor den Türen des Weißen Hauses.
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«Salzburger Nachrichten»: Biden soll Lücken füllen
Barack Obama beweist mit der Wahl Joe Bidens zu seinem «Running Mate» sicheres Gespür für die Realitäten. Er weiß, dass er in einen Wahlkampf eintritt, der alles andere als ein Spaziergang ins Weiße Haus wird. Mit der Entscheidung erkennt der Kandidat Schwächen an, die bereits bei den Vorwahlen zutage traten.
(...) Joe Biden füllt diese Lücken geradezu idealtypisch aus. Der 65-jährige Senator entstammt einer irisch-katholischen Arbeiterfamilie in Pennsylvania, spricht die Sprache der kleinen Leute und bringt als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses gleichzeitig reichlich Erfahrung in Fragen der nationalen Sicherheit ein. Wenn das rote Telefon nachts um drei klingelt, so das Signal an die Wähler, wacht Obama nicht allein auf.
«Der Standard»: Biden soll es für Obama richten
Mindestens so viel wie der Infight mit den Republikanern aber zählt der innere Wahlkampf der Demokraten. Die Frage ist: Sind die Wunden aus den Primaries schon verheilt? Das gilt mehr für die Unterstützer Hillary Clintons als für die Senatorin selber. Dennoch könnten sie und Bill Clinton, die Führungsfiguren des alten demokratischen Establishments, es dem Jungstar und seinen euphorischen Unterstützern schwer machen. (...) Auch hier soll Biden, auch er ein Demokrat der alten Schule, besseres Wetter für seinen jungen Kollegen machen.
Und Katholik, spekulieren die Auguren über Bidens positiven Einfluss, sei er ja auch noch. In der Tat erfüllt der Senator viele Erfordernisse für einen guten Nebenmann Obamas. Doch dessen zentrale Botschaft, der Wandel, ist mit ihm nicht zu verkaufen. Das muss der Spitzenmann schon selber machen.
«Basler Zeitung»: Solide Wahl, mehr nicht
Mit Joe Biden als Kandidat für die Vizepräsidentschaft hat Barack Obama gewiss nicht viel falsch gemacht. Viel gewonnen aber hat er auch nicht. Eine Sensation wären die nur mühsam ausgestochene Hillary Clinton oder der frühere US-Vizepräsident und Friedensnobelpreisträger Al Gore gewesen. Biden ist von kleinerem Kaliber. Ein altgedienter Senator, gegen den sich wenig einwenden lässt. Eine solide Wahl, nicht mehr, nicht weniger. (...) Aber wie passt einer wie Biden zur Botschaft vom neuen Politikstil, vom frischen Wind, der in Washington wehen soll? (dpa)