Vor 40 Jahren:
Panzer überrollten den «Prager Frühling»
20. Aug 2008 16:24
 |  Prager Bürger vor einem sowjetischen Panzer | Foto: AP |
|
Alexander Dubcek wollte Reformen in der Tschechoslowakei. Von einem «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» war die Rede. In der Nacht zum 21. August 1968 jedoch fand der «Prager Frühling» sein Ende.
Als in der Nacht zum 21. August 1968 sowjetische Panzer den «Prager Frühling» niederwalzten, hinterließen sie tiefe Spuren im internationalen Gedächtnis weit über das Ende des Kalten Krieges hinaus. US-Außenministerin Condoleezza Rice verglich vergangene Woche das russische Vorgehen gegen den kleinen Kaukasus-Nachbarn Georgien mit dem der Sowjetunion und vier weiterer «Bruderstaaten» des Warschauer Paktes vor 40 Jahren und erklärte, diesmal werde Moskau nicht damit durchkommen, einen Nachbarn zu besetzen und dessen Regierung einfach abzusetzen.
Genau das war damals geschehen: Die sozialistischen Regime östlich des Eisernen Vorhangs hatten den mutigen Reformen der Tschechoslowaken unter Alexander Dubcek einen Frühling und halben Sommer lang zugesehen und entschieden, dass diese in den Staaten des Warschauer Pakts nicht Schule machen dürfe. Da sich die ÈSSR von massiven verbalen Drohungen nicht von ihrer die Meinungs- und Pressefreiheit einschließenden Liberalisierung abbringen ließ, marschierte in der Nacht zum 21. August eine riesige Invasionsarmee ein. Neben sowjetischen, bulgarischen, polnischen und ungarischen Truppen beteiligten sich zumindest in der Planung auch Einheiten der Nationalen Volksarmee der DDR an der Militäraktion. 200.000 Soldaten überschritten am 20. August 1968 um 23.00 Uhr an 18 Stellen die tschechoslowakische Grenze. Später schwoll die Invasionsarmee auf eine halbe Million Mann an.
«Hilferuf aufrechter Prager Kommunisten»
Als eine treibende Kraft für die gewaltsame Niederschlagung des «Prager Frühlings» gilt auch der damalige DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht. Begründet wurde sie mit einem «Hilferuf aufrechter Prager Kommunisten», rechtfertigt erst nachträglich mit der «Breschnew-Doktrin» einer beschränkten Souveränität des «sozialistischen Lagers». Damit wurde der sowjetische Anspruch auf Vorherrschaft im kommunistischen Staatensystem zementiert. Erst der letzte sowjetische Staats- und Parteichef, Michail Gorbatschow, rückte davon ab.Militärisch sei die Invasion eine Meisterleistung gewesen, lobte sich der sowjetische Befehlshaber Iwan Pawlowski. Tschechen und Slowaken wurden im Schlaf überrascht. Nach Überwindung des ersten Schocks rief die Parteiführung um Dubcek die Bevölkerung über den Rundfunk auf, Ruhe zu bewahren und keinen aktiven Widerstand zu leisten. 94 Tote und 300 Verletzte wurden inoffiziell gezählt. Die Prager stellten sich in gewaltfreien Aktionen den Panzern entgegen. Wegweiser wurden verdreht und zeigten fast alle nach Moskau, was Militärkolonnen stundenlang im Kreis fahren ließ.
Begonnen hatte der «Prager Frühling» im Januar, als Dubcek Parteichef wurde und die von Intellektuellen geführte «gesunde Erneuerungsbewegung» unterstützte. Schon im März wurde Dubcek in Dresden auf einem Warschauer-Pakt-Treffen vor den Gefahren eines «konterrevolutionären Umsturzes» gewarnt. Nachdem im Juni Ludvik Vaculiks «Manifest der zweitausend Worte» entschlossene Reformen gefordert hatte, ließ der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew Dubcek nach einem Moskauer Gipfeltreffen wissen: «Wir können nicht mehr damit einverstanden sein, dass feindliche Kräfte Ihr Land vom Weg des Sozialismus stoßen.» Dubcek konnte sich aber Umfragen zufolge auf die Zustimmung von 78 Prozent der Bevölkerung für den Reformkurs stützen.Ein Ostblockgipfel in Bratislava gab Anfang August in der CSSR der Hoffnung Auftrieb, Moskau habe sich mit dem Prager Frühling abgefunden. Im Kommuniqué wurde nämlich neben harscher Kritik am tschechoslowakischen Kurs auch zugesagt, «die nationale Besonderheit» jeder Partei zu achten. Damit war es in der Nacht zum 21. August vorbei. Die Reformer ließen sich im Prager Gebäude des Zentralkomitees widerstandslos festnehmen. ZK-Sekretär Zdenek Mlynar schrieb später, damals sei ihm das «endgültige Scheitern als Kommunist» bewusst geworden.
Dubcek unterzeichnete nach «Beruhigungsspritze»
Dubcek, Ministerpräsident Oldrich Cernik und andere wurden in ein Lager des sowjetischen Geheimdienstes KGB in die Ukraine gebracht. Das sowjetische Vorhaben scheiterte, mit Kollaborateuren eine neue Regierung zu bilden. Svoboda erklärte sich schließlich zu einer Konferenz auf höchster Ebene im Kreml bereit, zu der auch Dubcek hinzugezogen wurde. Breschnew erklärte den Teilnehmern laut Mlynar, die Alternative laute Kooperation oder ein «Blutbad» in der CSSR. Am 26. August unterschrieb Dubcek nach Verabreichung einer «Beruhigungsspritze» ein Kommuniqué, in dem er dem «zeitweiligen Aufenthalt» der Invasionstruppen zustimmte.Dubcek durfte sein Parteiamt noch acht Monate behalten und wurde später in die Forstverwaltung in Bratislava verbannt. Seine Popularität verblasste nach Bekanntwerden der Kapitulation in Moskau. Vergeblich rief ihn der Dramatiker Vaclav Havel auf, die Wahrheit zu sagen und die politische Bühne ehrlich zu verlassen. Auf den prosowjetischen Kurs mancher seiner Mitstreiter schwenkte Dubcek aber auch nicht ein. Am 7. November 1992 starb er nach einem Autounfall.
Dubceks Nachfolger als Parteichef wurde im April 1969 Gustav Husak. Er sollte Moskaus Garant für die verlangte «Normalisierung» sein: Der Säuberung der KP von Reformkräften und einer linientreuen Politik im Sinne der UdSSR. Noch 20 Jahre, bis zur «sanften Revolution» Ende 1989, funktionierte der tschechoslowakische Sozialismus nach Moskauer Vorstellungen. (Uwe Käding, AP)