Die Ölkrise in den Griff kriegen:
US-Milliardär fordert Energie-Opfer
Gerade einmal vier Prozent der Weltbevölkerung leben in den USA, doch verbrauchen die rund 300 Millionen Amerikaner knapp ein Viertel des globalen Öls - der größte Teil fließt dabei in Autotanks. Aus europäischer Sicht ist US-Sprit noch immer lächerlich günstig. Doch machen den seit Jahrzehnten an billiges Benzin gewöhnten Amerikanern die umgerechnet 70 Euro-Cent pro Liter bleifreien Sprits heftig zu schaffen - auch und gerade wegen der Konjunkturflaute.
Vom Energiesparen wollten die USA lange nichts wissen. Und auch jetzt ist wenig von der Bereitschaft zum Verzicht zu hören. «Das Land hat über seine Verhältnisse gelebt», sagte der kanadische Energieexperte Vaclav Smil der «New York Times». Es hätten schon längst Opfer gebracht werden müssen. «Aber den Leuten ist einfach nicht klar, wie schlimm es bestellt ist», befand er.
Milliardär Pickens spricht vom «größten Transfer von Reichtum in der Geschichte der Menschheit» beim Blick auf jene 700 Milliarden Dollar, die die USA jedes Jahr für Importöl bezahlen. 1973 führte das Land laut Pickens noch 24 Prozent seines Öls ein, heute seien es bereits fast 70 Prozent.
Für helles Entsetzen unter Umweltschützern und viel Zurückhaltung bei Experten sorgte Bushs Vorschlag, ein jahrzehntealtes Öl- Förderverbot vor den Küsten des Landes aufzuheben und sogar in einem Naturschutzgebiet in Alaska zu bohren. Fachleute erwarten jedoch keinen Einfluss auf die Ölpreise bis zum Jahr 2030. Die Förderung in den eigenen Küstengewässern ist zu einem Top-Thema im Wahlkampf geworden. Früher ein erklärter Gegner, verlangt Republikaner John McCain inzwischen «Bohren, Bohren, Bohren!». Und selbst der Demokrat Barack Obama ist nicht mehr ganz so strikt dagegen wie einst.
Auch Atomenergie wird wieder hoffähig. Seit 30 Jahren ist in den USA nicht mehr mit dem Bau eines neuen Meilers begonnen worden. McCain will - auch mit Blick auf die Klimafrage - bis 2030 insgesamt 45 Kernkraftwerke neu errichten. Obama ist vorsichtiger: Er lehnt Atomenergie nicht rundweg ab, allerdings müsse sie «sauber und sicher» sein.
Der schwarze Senator will über zehn Jahre mit 150 Milliarden Dollar Biosprit, Hybrid-Autos, schadstoffarme Kohlekraftwerke sowie Wind-, Solar- und andere erneuerbare Energiequellen fördern. McCain habe zwar Subventionen für Atomenergie im Programm, recherchierte die Polit-Webseite «factcheck.org». Für Wind und Solar aber lehne er sie ab.
Mancher, wie Pickens, wittert ein gigantisches Geschäft, zumal der Preis für Windenergie immer konkurrenzfähiger wird. Die wundersame Wandlung zum grünen Paulus ist nicht ohne Eigennutz: Zwölf Milliarden Dollar investierte er bereits in den angeblich größten Windpark der Welt - im Ölstaat Texas. «Es gibt Gründe, weshalb die Leute im Öl- und Gasgeschäft reich sind», sagte Don Martin, Vizepräsident des texanischen Öl- und Gasunternehmens Enmark Energy der «Los Angeles Times». «Sie wissen, wo das Geld ist.» (Von Frank Brandmaier, dpa)

