Georgien zweifach gedemütigt: 

netzeitung.dePlünderungen in Gori – Abchasen hissen Fahne

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Russland lässt weiter die Panzer rollen (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Russland lässt weiter die Panzer rollen
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die russischen Streitkräfte haben trotz der vereinbarten Waffenruhe Gori bombardiert. 50 Panzer sollen in die Stadt eingedrungen sein, behauptet Tiflis. In Abchasien haben die Soldaten der abtrünnigen Region die georgischen Truppen vertrieben und ihren Anspruch auf das Land deutlich gemacht.

Ungeachtet der Friedensvereinbarung sind laut Augenzeugenberichten am Mittwoch russische Truppen mit gepanzerten Fahrzeugen in Kolonne in die Stadt Gori, 60 Kilometer vor Tiflis, eingerückt. Es soll sich um 50 Panzer und Infanterie handeln. Der Generalstab in Moskau hatte entsprechende Berichte zuvor als «Desinformation» bezeichnet. Georgische Medien berichteten über Plünderungen und Brandschatzungen in der weitgehend zerstörten und von den Bewohnern verlassenen Stadt. Anschließend drangen russische Militärkonvois Augenzeugenberichten zufolge von Gori kommend in Richtung Süden weiter nach Georgien vor.

Die russischen Streitkräfte haben nach Angaben der Regierung in Tiflis erneut Gori bombardiert. Moskau habe damit die am Vortag vereinbarte Waffenstillstandsvereinbarung gebrochen, sagte der Leiter des georgischen Sicherheitsrats. Russische Soldaten seien anschließend plündernd durch die Stadt gezogen.

«Wir haben sehr glaubhafte Berichte, dass Dörfer niedergebrannt und beschossen werden, darüber, dass unschuldige Menschen, Zivilisten getötet werden», sagte der US-Diplomat Matthew Bryza dem georgischen Fernsehen in Tiflis. «Ich bin in Tiflis, wir bemühen uns noch immer, diese Berichte zu bestätigen», sagte Bryza. Er forderte Russland und die russische Armee auf, keine Gewalt in Gori oder um die Stadt herum auszuüben.

Russen errichten Kontrollpunkte
Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, russische Soldaten hätten mindestens zwei Kontrollpunkte am Rand von Gori errichtet. Die Soldaten hätten eine verlassene Artilleriestellung besetzt, die etwa fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt sei, hieß es am Mittwoch. Ein Reuters-Kameramann berichtete von einem zweiten Kontrollpunkt an einer zur Hauptstadt Tiflis führenden Straße. Ein Augenzeuge berichtete, in Gori seien keine fremden Soldaten. «Ich war überall in der Stadt. Keine Panzer, keine Russen.» Auch das russische Militär und das Außenministerium bestritten georgische Vorwürfe, mit Angriffen auf die Geburtsstadt des sowjetischen Diktators Josef Stalin Gori den am Dienstag von Frankreich vermittelten Waffenstillstand verletzt zu haben. Es seien keine russischen Soldaten in der Stadt.

Georgien verlor außerdem seinen letzten Stützpunkt in der abtrünnigen Region Abchasien. Die georgischen Truppen hätten Abchasien komplett verlassen, erklärte ein Kabinettsminister. Sie seien von russischen Soldaten aus dem nördlichen Teil der Kodori-Schlucht vertrieben worden. Moskau wies dies zurück und erklärte, dafür seien Separatisten verantwortlich. Abchasische Kämpfer errichteten auf georgischem Gebiet ihre Flagge und erhoben Anspruch auf den Landstrich.

Warnung vor dem Europa-Feldzug
Der georgische Präsident Michail Saakaschwili hat vor einem groß angelegten Eroberungsfeldzug russischer Streitkräfte in Europa gewarnt und die USA erneut um Hilfe angerufen. Das Baltikum und die Ukraine könnten nach dem Einfall hunderter russischer Panzer in Georgien schon die nächsten Länder sein, sagte Saakaschwili am Mittwoch bei einer Telefonkonferenz mit Journalisten. Er warf Russland vor, trotz der bilateralen Waffenstillstands-Erklärung weiter nach Tiflis vorzudringen. Russische Truppen hätten bereits alle Wirtschafts- und Versorgungswege unter ihrer Kontrolle, sagte Saakaschwili weiter.

«Es geht nicht nur um Georgien», sagte Saakaschwili an die Adresse der USA. Washington müsse schleunigst Widerstand in Europa organisieren. Russland wolle die alte Sowjetunion wiederherstellen. Es handele sich um dasselbe Vormachtsdenken wie bei früheren Einmärschen der sowjetischen Truppen. Saakaschwili verwies auf Ungarn 1953 und Prag 1968. «Russland bestraft unsere Demokratie.»

«Barbarische Okkupation»
«Ich liebe Amerika», sagte der 40-Jährige. Er habe immer alle vor Russland gewarnt. «Wir werden uns nicht ergeben.» Die russische Armee «plündert und brandschatzt unsere Städte». Es gebe eine humanitäre Katastrophe riesigen Ausmaßes. Die Zahl der Flüchtlinge könne auf 180.000 steigen. Saakaschwili sprach von einer «brutalen und barbarischen Okkupation» durch Russland. Vorige Woche seien 1200 russische Panzer binnen weniger Stunden nach Georgien eingefallen. «Nicht einmal Amerika ist zu so etwas in der Lage», sagte Saakaschwili.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird in der kommenden Woche im Zusammenhang mit dem Kaukasus-Konflikt in die georgische Hauptstadt Tiflis reisen. Dort wird sie nach Angaben des stellvertretenden Regierungssprechers Thomas Steg mit Staatspräsident Michail Saakaschwili zusammentreffen, der von Moskau als Gesprächspartner nicht mehr akzeptiert wird.

«Gewalt dauerhaft beenden»
Am Freitag trifft Merkel in der russischen Schwarzmeer-Stadt Sotschi den russischen Präsidenten Dmitri Medwedew. Auch dabei geht es um den Konflikt im Kaukasus. Mit Erleichterung hat die Bundesregierung auf die von der französischen EU-Ratspräsidentschaft vermittelte Feuerpause in Georgien reagiert. Es müssten nun alle Anstrengungen unternommen werden, dass die Gewalt dauerhaft beendet werde, sagte Steg.

Die Lufthansa hat am Mittwoch 212 deutsche Georgien-Flüchtlinge von der armenischen Hauptstadt Eriwan nach München geflogen. Seit Montag haben nach Angaben des Auswärtigen Amtes sieben Busse insgesamt 382 Georgien-Flüchtlinge – überwiegend deutsche Staatsangehörige – wegen des Kriegs aus der georgischen Hauptstadt Tiflis nach Eriwan gebracht. (AP/dpa)