20 Jahre Al Qaeda:
«Wir lieben den Tod mehr als ihr das Leben»
11.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Zu jenen, die sich seinerzeit verschworen, gehörten Abdullah Assam, ein angesehener Kleriker palästinensischer Herkunft, Abu Ubaida, ein begabter Truppenführer aus Ägypten, und Osama bin Laden, ein Millionärssohn aus Saudi-Arabien, der sich um die Logistik und Finanzierung der arabischen Freiwilligen gekümmert und militärische Trainingslager in Afghanistan betrieben hatte.
Bereits im Sudan war diese mit den ägyptischen Dschihadisten von Eiman al-Sawahiri, der späteren Nummer Zwei von Al Qaeda, verschmolzen. Im August 1996 erließ Bin Laden seine «Kriegserklärung an die amerikanischen Okkupanten des Landes der zwei Heiligen Stätten» - gemeint war Saudi-Arabien mit den muslimischen Heiligtümern Mekka und Medina.
«Oh William», wandte er sich recht unvermittelt an den damaligen US-Verteidigungsminister William Perry, «euch zu terrorisieren, ist, so lange ihr Waffen in unser Land tragt, eine legitime und moralische Pflicht.»
Außerdem können andere Muslime, die nicht der eigenen extremistischen Lesart des Islams folgen, zu «Takfiris» - Ketzern - erklärt werden, die genauso erbittert bekämpft werden müssen. Der Tod im Kampf - das «Martyrium» - wird kultisch erhöht. Als messianistisch-nihilistische Sekte steht Al Qaeda letztlich im Krieg mit der ganzen Welt.
Eine US-geführte Militärkoalition stürzte in der Folge das Taliban-Regime in Afghanistan. Auch Al Qaeda erlitt dabei massive Verluste. Bin Laden und Al-Sawahiri zogen sich in die unzugänglichen pakistanischen Stammesgebiete an der Grenze zu Afghanistan zurück. Doch der Irak-Feldzug der Amerikaner 2003 trieb dem weltweiten Dschihad neue Rekruten zu.
Männer, die zum Teil noch in Afghanistan ausgebildet worden waren, aktivierten oder schufen Al-Qaeda-Zellen, die weitere blutige Anschläge in London, Madrid, Istanbul und auf der tunesischen Ferieninsel Djerba verübten.
Experten wie der amerikanische Autor Peter Bergen vergleichen Al Qaeda mit einem «Franchise-Netz» global-kapitalistischen Zuschnitts: Lokale Zellen operieren unter dem «Markennamen», aber ansonsten dezentral.
Der ehemalige CIA-Agent Marc Sageman sieht sogar einen «führerlosen Dschihad» kommen, getragen von Nachahmern und «Möchtegern-Terroristen». Ob Bin Laden und seine Führungszelle noch existieren, sei dafür nicht mehr von Bedeutung.
Al Qaeda habe «Schlüsselelemente ihrer Fähigkeit, die USA anzugreifen, bewahrt und regeneriert», stellte eine gemeinsame Einschätzung der 16 US-Geheimdienste vor einem Jahr fest. Besonders beunruhigend: Das Terrornetz strebt weiter nach chemischen, biologischen oder radioaktiven Waffen.
Auch eine sogenannte «schmutzige Bombe» - ein Sprengsatz, der radioaktive Strahlung freisetzt, ohne dass es zu einer nuklearen Kettenreaktion kommt - könnte, so meinen Experten, in einer westlichen Großstadt eine Massenpanik auslösen. «Wir lieben den Tod mehr als ihr das Leben», hieß es in der Bin-Laden-Kriegserklärung von 1996. Nichts deutet darauf hin, dass sich daran etwas geändert hätte. (Gregor Mayer, dpa)

