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Welt-Aidskonferenz: 

Prävention ist mehr als Safer Sex

08. Aug 13:42
Hauswand in Südafrika
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Sofia Sprechmann hat für die Hilfsorganisation Care an der Welt-Aidskonferenz in Mexiko-Stadt teilgenommen. Die Netzeitung sprach mit ihr über Hilflosigkeit, die katholische Kirche und Frauen als Hoffnungsträger.

Netzeitung: Frau Sprechmann, das Motto der 17. Weltaidskonferenz war «Universal Action Now» – Das klingt ein bisschen nach Aktionismus. Die Weltgemeinschaft hat nach wie vor kaum Antworten auf die rasante Ausbreitung der Seuche. Hat sich das in Mexiko geändert?

Sofia Sprechmann: Ich würde nicht sagen, dass sich kaum etwas geändert hat. In den vergangenen 20 Jahren gab es schon eine Menge Fortschritte – vor allem in der Entwicklung von Therapien. Aber auch in der finanziellen Unterstützung: Vor zehn Jahren stand gerade mal eine Milliarde Dollar pro Jahr für die Bekämpfung von Aids zur Verfügung, heute sind es zehn Milliarden. Natürlich ist es noch nicht genug.

Wir haben in Mexiko erstmals darüber nachgedacht, was in den vergangenen Jahren schief gegangen ist. Es gab im letzten Jahr 2,7 Millionen Neuinfektionen, das sind 7400 Neuinfektionen pro Tag – und das für eine Krankheit, für die eine wirksame Prävention existiert. Was kann man also besser mit dem bereits vorhandenen Wissen machen?

Netzeitung: Sie haben die Zahl gerade genannt. 2,7 Millionen Neuinfektionen, 33 Millionen Infizierte insgesamt und nur drei Millionen Menschen erhalten eine adäquate medizinische Behandlung. Bei einem Laien wie mir lösen diese Zahlen ein Gefühl von Hilflosigkeit aus. Ihre Organisation koordiniert Projekte vor Ort. Gibt es denn im kleineren Maßstab Erfolge zu vermelden, die das Engagement im Kampf gegen die Immunschwäche befeuern?

Sprechmann: Wir haben sehr viele Erfolge, wenn wir direkt mit den Leuten arbeiten. Das ermutigt zum Weitermachen. Sicherlich haben Sie recht, dass die Zahlen recht hoch erscheinen, aber verglichen mit den Zahlen vergangener Jahre sieht man eine positive Entwicklung.

Die Hilfsorganisation Care macht einerseits Lobbyarbeit, und ist andererseits vor allem in Afrika direkt in Projekte eingebunden. Unsere Erkenntnis dabei ist, dass die besten Programme die sind, die mit Frauen arbeiten. Bei Frauen ist die Infektionsrate besonders hoch. Ich habe das Gefühl, wenn Frauen in den Mittelpunkt des Interesses rücken, ändert sich tatsächlich etwas.

Eine Ursache von HIV ist eindeutig die Diskriminierung von Frauen. Viele können nicht offen über Sex und vor allem Safer Sex reden. Wenn wir Frauen zu mehr Selbstbestimmung und Selbstverantwortung heranführen, vor allem in Afrika, aber auch in Lateinamerika und Asien, dann zeigen sich auch Erfolge.

Care hat etwa 90 HIV-Projekte weltweit, die Behandlung und Prävention vereinigen. Auch das hat die Konferenz gezeigt: Nur beide Teilaspekte zusammen führen zum Erfolg. In den vergangenen Jahren hat man sich zu sehr auf die Therapie gestützt und die Prävention etwas aus den Augen verloren.

Netzeitung: Sie selbst sind in Lateinamerika in verschiedenen Projekten tätig – auch in der HIV-Prävention. Wie sind ihre Erfahrungen – Welche Hindernisse gibt es für eine erfolgreiche Präventionsarbeit?

Bei der Arbeit
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Sprechmann: Es ist schwierig, aber nicht unmöglich, beispielsweise den Gebrauch von Kondomen zu vermitteln. Meiner Meinung nach ist es wichtig, nicht nur als Aktivist politische Maßnahmen einzufordern. So ändert sich vielleicht die Struktur, die Kultur aber nicht. Wir arbeiten mit lokalen Organisationen zusammen, die ihre Büros in den Armenvierteln oder auf dem Lande haben. Diesen lokalen Mitarbeitern vertrauen die Menschen. Nur so geht es. Reden, reden, reden. Und vor allem offenes Reden über Sex. Auch in den Schulen.

Die meisten Infizierten wissen noch nicht einmal, dass sie das tödliche Virus in sich tragen. Es ist besonders tragisch, dass es für diese Krankheit eine wirksame Präventionsmöglichkeit gibt – für andere Krankheiten gibt es das nicht einmal…

Präventionsarbeit ist aber mehr als nur das Erklären von Safer Sex. Es geht um Verhaltensänderung: Zurückdrängen vom Gewalt gegen Frauen, Homophobie etc. Aber wir kommen in kleinen Schritten voran: Zum Beispiel hat Mexikos Präsident Felipe Calderón in seiner Eröffnungsrede der Homophobie in seinem Land den Kampf angesagt. Vor zehn Jahren wäre das in einem Land wie Mexiko, das von Machismo geprägt ist, nicht möglich gewesen, weil dann die Gesellschaft protestiert hätte.

Netzeitung: Eine nicht unwesentliche Rolle im Kampf gegen Aids muss der katholischen Kirche zufallen, wenn sie ihre Verantwortung als solche auch begreifen will. Schaut man zurück, scheint ein sehr langsamer Umdenkprozess stattzufinden. Gab es Signale in Mexiko?

Sprechmann: Es gab während der Konferenz sehr viele Arbeitsrunden, die sich mit Religion und Aids beschäftigt haben. Es gab islamische Teilnehmer, buddhistische Mönche und katholische Nonnen streiften über das Tagungsgelände. Die Weltreligionen waren dabei. Das war sehr wichtig. Auch hier liegt ein Fehler der Aids-Aktivisten in der Vergangenheit. Wir haben oft einfach nur gegen die Kirche oder den Islam protestiert, ohne einen Dialog anzubieten. Besser ist es, die Religionen einzubinden und eine Nische zu finden, in der sie sich wohlfühlen, um so einen langsamen Veränderungsprozess zu erreichen. Es ist noch nicht ideal, aber inzwischen gibt es sehr viel mehr Dialog – auch hier auf der Konferenz und das ist schön zu sehen.

Gesellschaftlicher Kraftakt

Netzeitung: Führte dieser Dialog bereits zu greifbaren Ergebnissen?

Sprechmann: Eine Synthese der vielen, vielen Gespräche, die hier zwischen den 22.000 Teilnehmern geführt wurden, ist aus meiner Sicht als Teilnehmerin natürlich schwierig. Die Konferenz diente in erster Linie auch dem Erfahrungsaustausch. Aber allein das Medieninteresse ist schon ein Erfolg. Aids ist ein weltumspannendes Thema – es ist vor allem ein gesellschaftlicher Kraftakt. Es muss offen in der Gesellschaft darüber gesprochen werden, es muss offen über Sex geredet werden – auch mit Kindern. Und das sollen nicht nur die Aktivisten tun. Jedermann, auch die Kirche, muss dazu beitragen, dass sich das Bewusstsein und Verhalten gegenüber Aids ändern.Es gibt im Kampf gegen Aids kein «Magic Bullet» – keine perfekte Lösung. Das Einzige, was wir mehr machen müssen, ist die vielen Maßnahmen, die es schon gibt, zu kombinieren.

Netzeitung: Arbeiten Sie vor Ort in der Prävention mit der Kirche bereits zusammen?

Sprechmann: In Lateinamerika arbeiten wir in acht Ländern und in allen Ländern zusammen mit der katholischen Kirche. Die Mehrheit der Bevölkerung glaubt an diese Kirche. An einer Zusammenarbeit führt kein Weg vorbei.

Netzeitung: Die Organisation Ärzte ohne Grenzen hat während der Konferenz gefordert, mehr HIV-Medikamente für Kinder zu entwickeln, da dieses Problem durch die Fixierung der Pharmaunternehmen auf den westlichen Markt bisher nur unzureichend erkannt wurde. Gab es da Signale von Seiten der Pharmaunternehmen?

Sprechmann: Etwa zwei Millionen Kinder müssen mit HIV leben. Die Kritik ist bei den Pharmavertretern zumindest registriert worden. Wir werden sehen, ob den Ankündigungen auch Taten folgen.

Netzeitung: Wie ist die Rolle der Pharmaunternehmen auf der Konferenz zu bewerten?

Sprechmann: Insgesamt kann man sagen, dass die Vertreter der Pharmafirmen gut in die Gespräche der Konferenz eingebunden waren. Ich denke auch, der Dialog mit ihnen hat sich in den letzten Jahren verbessert. Wir werden sehen, was diesem Dialog folgt.

Netzeitung: Das heißt, ob die Konferenz ein Erfolg war, kann erst in einem halben oder einem Jahr bewertet werden?

Sprechmann: Gut, es gibt auch ein paar konkrete Maßnahmen. Der mexikanische Präsident zum Beispiel stand unter einem gewissen Handlungsdruck, weil Mexiko-Stadt der Austragungsort war. So hat er zur Eröffnung verkündet, in Mexiko den freien Handel mit HIV-Medikamenten und Nachahmerpräparaten zuzulassen. Das wird den Preis dieser Arzneimittel drücken. Aber insgesamt haben Sie natürlich recht, so eine Art Konferenz kann man erst nach einer gewissen Zeit evaluieren.

Netzeitung: Was ist Ihr persönliches Fazit der Konferenz?

Sprechmann: Es ist immer phantastisch, so viele Leute zu treffen, die gegen HIV kämpfen. Ich fühle mich sehr inspiriert und gehe aus den Gesprächen mit dem Gefühl nach Hause, sehr viel mehr tun zu können. Das große Thema dieses Mal war Prävention, und gerade in diesem Bereich können wir nach der Konferenz sehr viel kreativer sein.

Sofia Sprechmann hat als Mitglied der Care-Delegation an der Welt-Aidskonferenz teilgenommen. Sie lebt in Quito, der Hauptstadt von Ecuador und koordiniert mehrere Projekte der Hilfsorganisation. Mit ihr sprach Daniel Kählert.

 
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