Gewalt in Brasilien:
«Die töten einfach nur aus Spaß»
02.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Zwar sorgt der blutige Drogenkrieg in Rio de Janeiro international für Schlagzeilen, aber Recife hat mit mehr als 90 Morden pro 100.000 Einwohnern die höchste Mordrate des Landes zu verzeichnen - sie ist mehr als doppelt so hoch wie in Rio. Im vergangenen Jahr wurden in der Metropole mindestens 2617 Opfer von Gewaltverbrechen gezählt. Eine Gruppe örtlicher Journalisten betreibt die Website pebodycount.com.br, auf der die Morde in der Hafenstadt und dem gesamten Bundesstaat Pernambuco aufgelistet sind. «Seit zehn Jahren schreiben wir die gleiche Geschichte, geändert haben sich nur die Namen der Opfer und der Täter», erklärte Joao Valadares. Allein bis Juni gab es den Zahlen zufolge bereits mehr als 2100 Mordopfer. Die Journalisten arbeiten mit einer anderen Website zusammen, die mit Hilfe von Google Map alle Tatorte mit einer kleinen roten Flagge markieret.
Mehr als 40 Prozent der Morde werden von Todesschwadronen begangen, ehemaligen Polizisten oder Sicherheitskräften, die dienstfrei haben, wie der Soziologe Jose Luiz Ratton erklärt. Andere Gründe seien das Pochen auf Ehre und Rache, sagte Ratton, der einen Plan für die Bekämpfung der Gewalttaten aufgestellt hat. «Rio de Janeiro hat ein Problem mit dem organisierten Verbrechen», sagt er. «Hier haben wir ein Problem mit dem desorganisierten Verbrechen.»
Mit diesem frustrierenden «Gesetz des Schweigens» muss sich die Polizeikommissarin Cleonice Bezerra de Araujo jeden Tag auseinandersetzen. Seitdem die 24-Jährige bei der Mordkommission arbeitet, beschäftigt sie sich mit drei bis elf Mordfällen pro Nacht. «Manchmal, wenn ein Kind getötet wird oder eine Frau, werde ich immer noch wach gerüttelt. Aber leider gewöhnt man sich auch daran», erklärt sie. Bei 90 Prozent der Mordfälle werden die Täter wahrscheinlich nie gefasst, geschweige denn bestraft. Dass die Zahl der Todesfälle nach Angaben der Behörden bislang sechs Prozent niedriger ist als im Vorjahreszeitraum, ist für Ines Maria da Silva nur ein schwacher Trost. «Die Polizei unternimmt nichts gegen die Gewalt», sagt sie. (Michael Astor, AP)

