Gewalt in Brasilien: 

netzeitung.de«Die töten einfach nur aus Spaß»

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Protest gegen Gewaltverbrechen (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Protest gegen Gewaltverbrechen
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Recife hat die höchste Mordrate Brasiliens. Eine Mutter verlor fünf Söhne bei Gewaltverbrechen. Kritiker sprechen von ethnischen Säuberungen. Die Polizei ist gegen das «Gesetz des Schweigens» machtlos.

Ines Maria da Silva steht vor ihrer Lehmhütte und starrt ins Leere. Regungslos beschreibt sie, wie alle ihre fünf Söhne Opfer von Gewaltverbrechen wurden. Die 68-Jährige lebt in einem der vielen Elendsviertels von Recife, das derzeit die höchste Tötungsrate Brasiliens hat. «Es gibt hier Menschen, die töten einfach nur aus Spaß», sagt sie.

Ihr erster Sohn starb vor 15 Jahren in einem Kampf um ein Mädchen, der zweite wurde von einem wütenden Mob getötet, nachdem er das Lynchen eines Pädophilen vor seiner Haustür verhindern wollte. Der dritte wurde im Streit mit einem Freund erstochen und der vierte erschossen, weil man ihn für einen Dieb gehalten hatte. Ihr letzter Sohn wurde vor einem Jahr von einem Irrläufer tödlich getroffen, als er Recifes berühmtes Karnevalsfest besuchte. «Ich möchte einfach nur verstehen, warum niemand dafür bestraft wurde», sagt die Witwe, die sich um sechs Enkelkinder und drei arbeitslose Töchter kümmern muss. «Zwei der Männer, die meine Söhne töteten, sind meine Nachbarn. Hätte ich irgendwo hingehen können, wäre ich schon vor langer Zeit weggezogen.»

Zwar sorgt der blutige Drogenkrieg in Rio de Janeiro international für Schlagzeilen, aber Recife hat mit mehr als 90 Morden pro 100.000 Einwohnern die höchste Mordrate des Landes zu verzeichnen - sie ist mehr als doppelt so hoch wie in Rio. Im vergangenen Jahr wurden in der Metropole mindestens 2617 Opfer von Gewaltverbrechen gezählt. Eine Gruppe örtlicher Journalisten betreibt die Website pebodycount.com.br, auf der die Morde in der Hafenstadt und dem gesamten Bundesstaat Pernambuco aufgelistet sind. «Seit zehn Jahren schreiben wir die gleiche Geschichte, geändert haben sich nur die Namen der Opfer und der Täter», erklärte Joao Valadares. Allein bis Juni gab es den Zahlen zufolge bereits mehr als 2100 Mordopfer. Die Journalisten arbeiten mit einer anderen Website zusammen, die mit Hilfe von Google Map alle Tatorte mit einer kleinen roten Flagge markieret.

Todesschwadronen
«Was hier passiert könnte man auch als eine wirksame ethnische Säuberung bezeichnen», sagte Eduardo Machado, einer der Gründungsmitglieder. «Die meisten Opfer sind arme, schwarze Männer zwischen 15 und 30 Jahren, die in Favelas leben und durch einen .38 Revolver getötet wurden.»

Mehr als 40 Prozent der Morde werden von Todesschwadronen begangen, ehemaligen Polizisten oder Sicherheitskräften, die dienstfrei haben, wie der Soziologe Jose Luiz Ratton erklärt. Andere Gründe seien das Pochen auf Ehre und Rache, sagte Ratton, der einen Plan für die Bekämpfung der Gewalttaten aufgestellt hat. «Rio de Janeiro hat ein Problem mit dem organisierten Verbrechen», sagt er. «Hier haben wir ein Problem mit dem desorganisierten Verbrechen.»

Die Medien berichten nur dann über einzelne Mordfälle, wenn Mitglieder der Oberschicht getötet werden. Aber die nächtlichen Blutbäder liefern Futter für die beliebten TV-Crime-Shows, deren Moderatoren um die Präsentation der aufsehenerregendsten Mordfälle wetteifern. Das Fernsehteam fährt aus Angst vor Angriffen erst nach dem Eintreffen der Polizei zum Tatort. Allerdings geben die Favela-Bewohner nur wenige Details an Fremde preis. «Weißt du zu viel, stirbst du», erklärt eine Mann, der nur seinen Spitznamen «Biscoito» (Keks) nennen will.

Mit diesem frustrierenden «Gesetz des Schweigens» muss sich die Polizeikommissarin Cleonice Bezerra de Araujo jeden Tag auseinandersetzen. Seitdem die 24-Jährige bei der Mordkommission arbeitet, beschäftigt sie sich mit drei bis elf Mordfällen pro Nacht. «Manchmal, wenn ein Kind getötet wird oder eine Frau, werde ich immer noch wach gerüttelt. Aber leider gewöhnt man sich auch daran», erklärt sie. Bei 90 Prozent der Mordfälle werden die Täter wahrscheinlich nie gefasst, geschweige denn bestraft. Dass die Zahl der Todesfälle nach Angaben der Behörden bislang sechs Prozent niedriger ist als im Vorjahreszeitraum, ist für Ines Maria da Silva nur ein schwacher Trost. «Die Polizei unternimmt nichts gegen die Gewalt», sagt sie. (Michael Astor, AP)