Netzeitung Logo
 
Aktuelles  »  Politik  »  Ausland
DruckenVersenden
 

Wiederaufbau im Irak: 

Ein Geistergefängnis als Symbol

30. Jul 2008 09:15
Die Investruine in Chan Bani Saad
Bild vergrößern
Im Irak erschweren Verschwendung und Fehlplanung den Wiederaufbau: Bislang mehr als vier Milliarden Dollar verpufften ohne Wirkung. Ein markantes Beispiel dafür steht 20 Kilometer nordöstlich von Bagdad.

Im Flachland nördlich von Bagdad steht ein Gefängnis ohne Gefangene. In den mehr als 20 Wachtürmen des halbfertigen Komplexes in Chan Bani Saad nisten mittlerweile Vögel. 40 Millionen Dollar (25 Millionen Euro) flossen bislang in das Projekt, das wohl nie abgeschlossen wird.

Das Geistergefängnis ist ein Symbol für die Verschwendung amerikanischer Regierungsgelder beim Wiederaufbau des Iraks geworden, für fehlgeleitete Planungen, eine korrupte Bauwirtschaft und enttäusche Hoffnungen der Einheimischen. «Es ist so etwas wie ein Monument in der Wüste, weil es nicht als Gefängnis verwendet werden wird», sagt Stuart Bowen, amerikanischer Generalinspektor für den Wiederaufbau im Irak, und fügt hinzu: «Ein 40-Millionen-Dollar-Projekt mit sehr geringem Nutzen.»

Einige Gebäude seien zwar brauchbar, doch das dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich insgesamt um einen Fehlschlag handele. Und Chan Bani Saad ist kein Einzelfall. Bis zu 20 Prozent Schwund und Verschwendung schätzt Bowen beim Wiederaufbau des Iraks. Bei den 21 Milliarden Dollar (13 Millionen Euro), die in den Irakischen Hilfs- und Wiederaufbaufonds flossen, wären das rund vier Milliarden Dollar (2,5 Milliarden Euro). Auch Stadtrat Sajjed Rasul al Husseini ist schlecht auf das Gefängnis zu sprechen. Es sei «ein großes Monster», das Geld und Hoffnungen verschlungen habe. Mehr als 1200 Arbeitsplätze hätten dort entstehen sollen.

Eine der größten Hochbaufirmen

Manchmal fährt er zu der Bauruine hinaus, die in der Nähe von Palmenhainen und einem ehemaligen Trainingscamp von Saddam Husseins Heer rund 20 Kilometer nordöstlich von Bagdad liegt. Wenn er über das Gelände geht, denkt er darüber nach, was noch zu retten ist. Als Wohnhäuser sind die Gebäude nicht nutzbar, mehreren Betonmauern fehlen solide Armierungen, so dass sie jeden Moment einstürzen könnten. Die Vögel und kleinen Tiere, die sich dort inzwischen eingenistet haben, scheint das nicht zu stören. «Ein paar Gefangenentrakte sind gut», sagt er. «Vielleicht können wir eine Fabrik daraus machen. Ich weiß es nicht. Es ist deprimierend.»

Die Idee für ein modernes Gefängnis gab es bereits kurz nach dem Sturz von Saddam Hussein. Im März 2004 gaben die US-Behörden im Auftrag der Übergangsregierung einer der größten Hochbaufirmen der Welt, Parsons mit Hauptsitz im kalifornischen Pasadena, den Zuschlag, ein Gefängnis für 1800 Insassen zu entwerfen und zu errichten, einschließlich mehrerer Ausbildungs- und Werkstätten. Baubeginn sollte im Mai 2004 sein, die Fertigstellung war für November 2005 angepeilt.

Notbremse gezogen

Doch von Anfang an gab es Probleme. Der Aufstand der Sunniten verschärfte die Situation in dem Land dramatisch. Die Amerikaner gerieten wegen der Folterbilder aus dem Gefängnis Abu Ghraib unter Druck, die Bedingungen in den bestehenden Haftanstalten zu verbessern. Der Fokus der US-Politik verschob sich vom Wiederaufbau auf das Halten der Stellung in dem chaotischen Land. Sechs Monate später als geplant wurde mit dem Bau begonnen, es kam zu weiteren Verzögerungen, bis Parsons schließlich die Fertigstellung für Ende 2008 in Aussicht stellte.

Im Juni 2006 zog die US-Regierung die Notbremse, annullierte den Vertrag mit Parsons – wegen «ständiger Terminüberschreitungen und massiver Mehrkosten», wie es hieß. Doch die Hoffnung, das Projekt doch noch abzuschließen, wurde nicht aufgegeben. Drei weitere Baufirmen wurden beauftragt, jedoch ohne Erfolg.

Dabei könnte Chan Bani Saad ein neues Gefängnis dringend brauchen. Etwa 600 Häftlinge sitzen im bestehenden Gefängnis für die Provinz Dijala derzeit ein, obwohl dieses nur für 250 Menschen ausgelegt ist. Die hygienischen Bedingungen dort sind so schlecht, dass mehrere Häftlinge bereits gestorben sind. «Chan Bani Saad ist ein Mikrokosmos mit allen Versäumnissen des Wiederaufbau-Programms», sagt Bowen. 120 Anhörungen zu irakischen Bauprojekten hat seine Behörde mittlerweile abgehalten. «Und jede einzelne ist eine Episode der Verschwendung». (Brian Murphy und Pauline Jelinek, AP)

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Zum Wissenstest
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
 
Der mächtigste Vize-Präsident aller Zeiten: 
US-Vizepräsident Cheney bereut nichts
Bereitschaftsdienst: 
Parlament kämpft gegen Dauerarbeit
 
Kritik an EU-Klimabeschluss: 
Merkels «Kniefall vor der Industrie»
 
150 Lkws in Peschawar angezündet: 
Taliban zerstören Nato-Truppennachschub
BND-Untersuchungsausschuss: 
Brisante Daten, laxe Kontrolle
 
Israelisch-palästinensischer Krieg: 
EU und Nahost-Quartett verlangen Feuerpause
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Josef Depenbrock & Robert Rischke | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.