29.07.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Opfer des Anschlags in Kirkuk
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Rund 60 Menschen sterben an einem Tag in Bagdad, Kirkuk, Mossul und in der Provinz Dijala. Als hätte es nie eine Offensive amerikanischer und irakischer Truppen gegeben, erreicht der Terror der irakischen Frauen eine neue Dimension.
Bei mörderischer Hitze schnallen sich im Irak an diesem Montag vier Frauen Sprengstoffgürtel um, bedecken ihr Haar mit Kopftüchern und ziehen los, um fromme Schiiten und kurdische Demonstranten zu töten. Damit hat der Terror der irakischen Frauen eine neue Dimension erreicht. Galten die Anschläge der Al-Qaeda- Frauen bislang vor allem Soldaten, Polizisten, Politikern und den Kämpfern der sunnitischen Bürgerwehren, so nehmen die weiblichen Selbstmordbrigaden jetzt gezielt Zivilisten ins Visier.
Rund 60 Menschen sterben an diesem Tag in Bagdad, Kirkuk, Mossul und in der Provinz Dijala eines gewaltsamen Todes. An diesem schwarzen Tag sollte man meinen, es hätte nie eine Offensive der amerikanischen und irakischen Truppen gegeben, als wären nicht Zehntausende von Soldaten zusätzlich in die am meisten umkämpften Viertel geschickt worden, um sunnitische Al-Qaeda -Terroristen und schiitische Schutzgelderpresser zu vertreiben.
Doch gerade die Einwohner von Bagdad, die seit drei Monaten zum ersten Mal seit Jahren wieder abends ohne Angst einkaufen gehen und mit ihren Kindern am Wochenende die Parks besuchen konnten, wollen noch nicht an eine Rückkehr des Schreckens glauben. War Ministerpräsident Nuri al-Maliki nicht erst vor einigen Tagen bei einem abendlichen Spaziergang im Karrade-Viertel gesichtet worden? Und hatte Parlamentspräsident Mahmud al-Maschhadani nicht erst kürzlich ohne Begleitung von Leibwächtern in einem der Restaurants von Karrade gegessen?
Besser als vor einem JahrZwar haben sich an diesem Montag in Karrade kurz hintereinander drei Frauen mit Sprengstoffgürteln in die Luft gesprengt. Doch als neuerlichen Wendepunkt im Kampf gegen den Terror will dies noch niemand interpretieren. Mohammed al-Askari, der Sprecher des Verteidigungsministeriums glaubt, die Selbstmordattentäterinnen hätten einfach die Gelegenheit genutzt, die ihnen die Pilger geboten hätten, als sie zu Tausenden durch das Viertel zogen. «Bagdad ist heute weit entfernt von einem Krieg zwischen den verschiedenen Konfessionsgruppen», beschwichtigt er.
Doch nicht alle Bewohner der Hauptstadt sind so optimistisch wie er. «Es ist noch zu früh, um zu sagen, dass sich die Sicherheitslage entscheidend und dauerhaft verbessert hat», meint Ghada Mahdi (42), die als Beamte im Kulturministerium arbeitet. «Wir können nur sagen: Jetzt ist es viel besser als noch vor einem Jahr.»
Für die Stadt Kirkuk, in der in diesen Tagen der Konflikt zwischen den Kurden, Turkmenen und Arabern eskaliert, gilt dies jedoch nicht. Viele Iraker befürchten, dass der Streit um das neue Gesetz für die Provinzwahl, das die Kurden ablehnen, nur der Auftakt für einen erbitterten Kampf um die Stadt sein wird, zu der einige der ergiebigsten Ölquellen des Landes gehören. (Anne-Beatrice Clasmann, dpa)