Internationale Presseschau:
«Die Bush-Jahre haben uns blind gemacht»
26. Jul 2008 13:53
 |  Obama in Berlin | Foto: AP |
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Warum erliegt ganz Europa dem Charme des Kandidaten? Geht es nach den Leitartiklern aus Straßburg, London, Zürich und Turin, so hat der gegenwärtige US-Präsident seine Aktie daran. Nicht alle Blätter teilen die Euphorie.
Der Auftritt von Barack Obama in Berlin und Paris wird von den Kommentatoren europäischer Tageszeitungen überwiegend positiv bewertet. Doch bei aller Freude über die Renaissance der Freundschaft zu den USA sind auch skeptische Töne über den außenpolitischen Novizen zu vernehmen.
Dernières Nouvelles d'Alsace, Strasbourg: «Faszinierte Franzosen»
Die Bush-Jahre haben uns blind gemacht. Wir haben den am knappsten gewählten US-Präsidenten mit dem Land verwechselt, das er repräsentiert. Der latente Anti-Amerikanismus in unserem Land wurde durch das herrschaftliche Verhalten dieser Karikatur-Figur noch bestärkt. Barack Obamas Auftritt auf der politischen Bühne hilft dabei, dieses Gefühl zu verwandeln. Die Franzosen sind fasziniert von Obama und sehen die USA nun vielleicht mit anderen Augen. Er ist schon ein Held, obwohl er die Wahl noch lange nicht gewonnen hat. Sarkozy kann wegen seines Temperaments und seines Instinkts gar nicht anders, als sich von der Jugend und dem frischen Wind verführen zu lassen.
The Daily Telegraph, London: «Obama ist weniger verwundbar»
Der Senator von Illinois ist ein solcher Kassenschlager, dass die meisten anderen Politiker von einer derartigen Popularität nur träumen können. Dennoch: Seine Auslandstournee wird ihm zu Hause recht gemischte Ergebnisse einbringen. Die Welt liebt ihn: Drei Viertel der Deutschen wollen ihn als US-Präsidenten, ebenso wollen das auch bemerkenswert viele konservative Abgeordnete in Großbritannien. Unglücklicherweise für Obama hat keiner dieser ausländischer Anfeuerer ein Stimmrecht bei der Wahl im November. Allerdings ist Obama nach seinem Streifzug ins Ausland nun weniger verwundbar durch Senator McCains spöttische Vorwürfe, er sei in der Außenpolitik naiv und und unerfahren.
Neue Zürcher Zeitung: «Das unbeschriebene Blatt»
Warum sind die Europäer zurzeit vom demokratischen Präsidentschaftskandidaten aus Amerika so fasziniert und begeistert? Die Unpopularität des jetzigen Präsidenten – den spätere Geschichtsschreiber bezüglich der langfristigen Entwicklung im Irak vielleicht einmal etwas anders einschätzen werden – hat sicher damit zu tun. Für das Ausland ist Obama vorläufig ein weitgehend unbeschriebenes Blatt, auf das sich die verschiedensten Hoffnungen und Sehnsüchte projizieren lassen. Diese Entwicklung dürfte auch jene Kritiker nachdenklicher stimmen, die behaupten, Amerika sei auch heute noch ein zutiefst rassistisches Land und es gebe kaum Fortschritte bei der Integration der schwarzen Minderheit.
La Stampa, Turin: «Anti-Amerikanismus geht ins Archiv»
Wenn der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy sich beeilt, seine freundschaftlichen Gefühle für den demokratischen Kandidaten zu offenbaren und dessen Wahlsieg zu erhoffen, dann ist sicher, dass wir bis zu den US-Wahlen im November noch weit mehr Einfluss des Obama-Effekts auf unsere Politik miterleben werden. Denn wenn Europa jetzt wieder in Massen die amerikanische Fahne beklatscht, dann ist es endlich bereit, den anti-amerikanischen Ehrgeiz zu archivieren. Vielleicht ist es auch in der Lage, nicht nur rhetorisch und eitel eine Rolle zu spielen, wenn es um den Kampf gegen die Sicherheitsbedrohungen in der Welt geht, so wie es Barack Obama von den Europäern mit Nachdruck in Berlin gefordert hat. (dpa)