Die Befreiung von Ingrid Betancourt hat die Weltöffentlichkeit an die politischen Zustände in Kolumbien erinnert. Einige hoffen nun auf ein baldiges Ende der Farc, andere glauben nicht an schnelle Lösungen. Mit Audio
«Aftenposten»: Kolumbiens große Tragödie
Es stellt einen bedeutenden Fortschritt beim Kampf gegen den Terrorismus dar, dass Ingrid Betancourt und die anderen Geiseln in Kolumbien befreit werden konnten. Noch im März hatte es geheißen, dass Betancourt gesundheitlich in Lebensgefahr schwebe. Aber der Kampf ist nicht gewonnen. Die Farc hat weiter mehrere hundert Geiseln in ihrer Gewalt.
Die Entwicklung um Betancourt hat in den letzten Jahren die allgemeine Aufmerksamkeit von Kolumbiens großer Tragödie abgelenkt. Vier Millionen Menschen leben hier als Flüchtlinge im eigenen Land. Nach dem Sudan ist Kolumbien das Land der Welt mit den meisten Flüchtlingen.
«NRC Handelsblad»: Breiter Unterstützung für Uribe
Uribe ist niemals auf Gefangenentausch oder andere Vorschläge der Farc eingegangen. Aber er hat einzelnen Guerilleros mit einem Programm für Reumütige aus allen paramilitärischen Gruppen von Rechts bis Links einen Ausweg geboten. Das wirkt. Die Schlägertruppen zur «Selbstverteidigung» der Großgrundbesitzer sind auf dem Rückzug. Auch die Farc zerbröselt. (...) Wenn Uribe seinem militärischen Lösungsweg nun weitere politische Schritte folgen lässt, um die Reste der Farc aus dem Dschungel zu locken, kann er mit breiter Unterstützung rechnen. Auch Betancourt, die 2002 seine engagierte Gegenkandidatin war, hat sich gestern öffentlich an die Seite Uribes gestellt.
Audio: Guardian, Figaro, NZZ
«De Volkskrant»: Politische Schritte gegen Farc
Die Befreiung von Ingrid Betancourt ist der schwerste in einer Reihe von Gegenschlägen, die die Bewegung in den vergangenen Monaten zu verdauen hatte und bei denen sie einiger wichtiger Führungsleute entledigt wurde. Dass die Farc dabei ist auseinanderzufallen, zeigt sich an der großen Zahl von Deserteuren - auch dank eines erfolgreichen Wiedereingliederungsprogramms für Mitglieder aller bewaffneten Gruppen, die Kolumbien in Gewalt gestürzt haben.
Eine Befreiungsaktion wie die vom Mittwoch eignet sich nicht zur schnellen Wiederholung. Und wie sehr die Farc auch schwächer geworden ist, eine Guerillabewegung ist militärisch schwer zu besiegen. Politische Mittel, um den aussichtslosen Kampf zu verkürzen und auch die restlichen Geiseln freizubekommen, dürfen daher nicht ausgeschlossen werden.
«La Repubblica»: Politischer Triumph für Uribe
George W. Bush war bereits am Dienstag informiert worden, 24 Stunden vor der Aktion. Nicolas Sarkozy hat es erst erfahren, als es schon passiert war, eine Viertelstunde vor der offiziellen Ankündigung. Alvaro Uribe hat seine Diplomatie sorgfältig abgewogen: Er hat dem amerikanischen Alliierten, der seit fünf Jahren die kolumbianischen Streitkräfte ausbildet und ihnen hilft, alles gesagt.
Gegenüber dem Franzosen, der immer auf Verhandlungen gesetzt hatte, hat er hingegen geschwiegen (...). Die Operation «Schach» war nicht nur ein militärischer Erfolg und der Beweis, dass seine harte Linie auf Dauer die Farc ausmerzen kann: Für Uribe war dies ein politischer Triumph.
«ABC»: Ende der Farc in Sicht
Präsident Alvaro Uribe ist der größte Erfolg in all seinen Jahren an der Macht gelungen. Nicht weniger wichtig als die Befreiung der Geiseln ist die Gewissheit, dass die Drogen-Guerilla der Farc Schwierigkeiten durchmacht, die deren nahen Kollaps ankündigen: Mit dem Tod ihres Anführers 'Tirofijo' kopflos, von Sicherheitskräften unterwandert, durch Desertionen geschwächt.
Jetzt wo ein Ende der Terroristen in Sicht ist, müssen die derzeitigen Führer zudem fürchten, jederzeit von ihren eigenen Leuten verraten zu werden. Uribe hat die richtige Haltung in diesem Krieg bewahrt, zu dem ihn die Drogen-Guerilla gezwungen hat: Er ist absolut unnachgiebig, was deren politische Ziele angeht, lässt aber immer einen Ausweg für jene offen, die aufgeben wollen.
«Le Monde»: Glänzender Erfolg für Präsident Uribe
Diese Operation der kolumbianischen Streitkräfte ist ein glänzender Erfolg für den Präsidenten Kolumbiens und seine lange Zeit missbilligte Strategie. Gegen die Meinung aller Beteiligten, die ihn zu Verhandlungen mit den Farc-Rebellen aufforderten, hat er einen Krieg ohne Gnade weitergeführt.
Die harten Schläge der letzten Monate haben die Rebellen offensichtlich so geschwächt, isoliert und desorganisiert, dass diese wagemutige Aktion zur Befreiung der Geiseln riskiert werden konnte. (Präsident Alvaro) Uribe, der vor zwei Jahren mit großer Mehrheit wiedergewählt wurde, kann seinen Vorteil nutzen und jetzt diesen Bürgerkrieg beenden.
«Kurier»: Chance auf Ende des Bürgerkrieges
Nach vier Jahrzehnten besteht die Chance auf ein Ende des Bürgerkriegs. Doch um die Farc endgültig zu besiegen, muss Kolumbiens Regierung auch an anderen Fronten aktiv werden: Die Abwesenheit staatlicher Autorität in weiten Teilen des unwegsamen Landes und die nach wie vor grassierende Korruption ermöglichten es den Rebellen bisher immer wieder, Fluchtorte zu finden und sich neu zu organisieren.
Dazu kommt, dass die Geschäfte mit Drogen und Entführungsopfern viel Geld in ihre Kriegskasse spülen. Und dass sie nach wie vor mächtige Sympathisanten unter Lateinamerikas Linken haben. Will Uribe als Friedenspräsident in die Geschichte eingehen, muss er also nicht nur die kleinen Farc-Kämpfer zur Aufgabe bewegen, sondern auch die Biotope trockenlegen, in denen sich die Führungskader der kriminell gewordenen Marxisten hartnäckig einnisten.
«Salzburger Nachrichten»: Linksguerilla vor dem Ende
Die Befreiung Ingrid Betancourts aus den Händen der Linksguerilla Farc ist ein harter Schlag, der die Rebellen wie der Blitz getroffen hat. Dieses Jahr ist bereits reich an Niederlagen für die Farc. Sie haben ihre wichtigsten Führungsmitglieder durch natürlichen Tod oder Tötung durch die Armee verloren.
Und die Ex- Präsidentschaftskandidatin war die mit Abstand wichtigste Geisel der Farc, ihr Kronjuwel und politisches Faustpfand, das ihnen mediale Aufmerksamkeit und einen gewissen Schutz vor Verfolgung sicherte. Mit beidem ist es nun vorbei. Möglicherweise steht die älteste und größten Linksguerilla Lateinamerikas vor dem Ende. (dpa)