Ist dies schon für Ausländerinnen ein großes Problem, so ist es für Einheimische gänzlich unmöglich, sich irgendjemandem anzuvertrauen. Nach afghanischem Strafrecht wird Prostitution häufig mit Ehebruch gleichgesetzt, der mit 15 Jahren Haft geahndet werden kann. Nach dem Recht der Scharia könnten verheiratete Prostituierte sogar zu Tode gesteinigt werden. Angesichts der weitverbreiteten Armut wird dieses Risiko in Kauf genommen. Um sich dennoch ihre Jungfräulichkeit zu bewahren, was für die Ehre unverheirateter afghanischer Frauen unabdingbar ist, praktizieren viele junge Prostituierte nur Analverkehr. Von Kondomen haben die meisten laut einer Umfrage noch nie etwas gehört. Auch die Gefahr von Aids und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten ist ihnen unbekannt.«Unsere Gesellschaft ignoriert die Probleme völlig», kritisiert die afghanische Frauenrechtlerin Orsala Aschraf. «Die Tradition besteht auf ihrem Ehrbegriff, also brechen wir mit der Tradition, wenn wir ein Tabu ansprechen.» Hinzu komme, dass viele Mädchen schlicht Angst hätten, ergänzt Dschamila Ghairat von der Hilfsorganisation Frauen für afghanische Frauen - Angst vor der eigenen Familie, die sie umbringen könnte, Angst vor der Polizei, die sie einsperren könnte. Aus diesem Teufelskreis kämen sie kaum noch heraus.
Das Mädchen, von dem eingangs die Rede war, wurde irgendwann aufgegriffen und inhaftiert. Die 13-Jährige kam jedoch wieder frei, weil sie mit den Behörden zusammenarbeitete und nützliche Informationen über einen Ring für Kinderprostitution preisgab. Sie fand Aufnahme bei einer Frauenhilfsgruppe, arbeitete dort in der Küche und erhielt therapeutische Beratung. Doch eines Tages sah eine Sozialarbeiterin sie mit ihrem alten Zuhälter in der Stadt. Seitdem ist sie verschwunden. (Alisa Tang, AP)